Urban: „Generationenkrieg? Gibt es nicht!“

Urban: „Generationenkrieg? Gibt es nicht!“

Junge Generation braucht solide Rentenpolitik

Immer dann, wenn es um die Sicherung der Renten für Arbeitnehmer*innen geht, tritt die Propaganda-Kompanie der Metallarbeitgeber, die Initiative Neue Soziale Markwirtschaft (ISNM) auf den Plan und lässt in Tageszeitungen große Anzeigen schalten. Heuchlerisch wird vor künftigen Belastungen der jüngeren Generation gewarnt. Um ihr Klientel – die Arbeitgeber – von Beiträgen in die Rentenversicherung zu entlasten, nehmen sie in Kauf, dass der Sozialstaat bröckelt und irgendwann auch die Demokratie.  Davor warnt Hans-Jürgen Urban, im IG Metall-Vorstand zuständig für Sozialpolitik. Im Interview sagt er, warum gerade die junge Generation eine solide Rentenpolitik braucht.

Viele 20- oder 30-Jährige lächeln nur müde, wenn es um ihre Rente geht. Was sagst Du ihnen?
Hans-Jürgen Urban: Dass die gesetzliche Rente die beste Alterssicherung ist, die wir haben. Aber die Weichen für die Zukunft sind falsch gestellt: Leistungskürzungen der Vergangenheit und das mittelfristig weiter sinkende Rentenniveau schaden vor allem den Jungen. Das Rentensystem für die Zukunft zu stabilisieren liegt vor allem im Interesse der Jüngeren.

Gibt es bei der Rente einen Konflikt zwischen Alt und Jung?
Urban:
Es gibt vor allem eine Arbeitgeberlobby, die versucht, einen Generationenkonflikt zu inszenieren. Dahinter stecken finanzielle Interessen. Die Arbeitgeber wollen geringere Renten, um Arbeitgeberbeiträge zur Rentenversicherung zu sparen. Das schadet aber Jung und Alt. Die IG Metall sagt: Rentenpolitik ist keine Senioren- sondern Generationenpolitik. Und die muss solidarisch sein.

Als Ausgleich für das gesunkene Rentenniveau raten manche Politiker zur Privatvorsorge. Ein gutes Rezept?
Urban:
Nein! Private Renten müssen auf den Finanzmärkten erwirtschaftet werden. Das ist ein risikoreiches Geschäft. Die Renditezusagen, die es etwa bei Einführung der Riesterrente gab, wurden alle nicht eingehalten. Und: Privatversicherungen werden nicht paritätisch finanziert, sondern allein von den Beschäftigten. Die sind von Anfang an die Verlierer.

Neue Zahlen der Bundesregierung zeigen: Fast die Hälfte aller Rentner hat weniger als 800 Euro Rente im Monat. Da fragt sich mancher: Wozu noch eine Rentenversicherung?
Urban:
Verantwortlich dafür sind einerseits Niedriglöhne und Lücken im Arbeitsleben. Deshalb ist der Kampf gegen prekäre Arbeit so wichtig. Aber auch Leistungskürzungen im Rentensystem durch die Politik sind schuld daran. Das ist fatal. Wenn immer mehr Menschen Angst vor Altersarmut haben, erschüttert das das Vertrauen in den Sozialstaat und letztlich auch in die Demokratie. Deshalb müssen die Renten wieder deutlich steigen.

Schlechte Sozialpolitik gefährdet die Demokratie?
Urban:
Ein schwacher Sozialstaat überlässt die Menschen der Unsicherheit kapitalistischer Märkte und den Wechselfällen des Lebens. Das erzeugt Verunsicherung und Resignation. Daran knüpfen Populisten mit ihren Scheinlösungen an. Die Solidarität, von der sie reden, ist nationalistisch verstümmelt. Sie soll nur für Deutsche gelten. Das schließt auch große Teile der IG Metall-Mitglieder aus. Das geht gar nicht! Und: Verteilungskämpfe werden ausgeklammert. Rechtspopulisten buckeln meistens vor den Arbeitgebern, den Mächtigen und Reichen. Mit Solidarität, wie wir sie verstehen, hat das nichts zu tun.

Was versprichst Du Dir von der neuen IG Metall-Rentenkampagne?
Urban:
Die IG Metall hat gemeinsam mit allen Altersgruppen ein Rentenkonzept entwickelt. Unsere Kampagne soll weiter Druck machen, damit möglichst viel davon Realität wird. Besonders wichtig ist mir dabei der Dialog mit der Jungen IG Metall. Generationensolidarität konkret – das ist mein Ziel.

Über die Zukunft der Rente wird in der neuen Rentenkommission der Bundesregierung beraten. Was traust Du der Kommission zu?
Urban:
Na ja, wir sollten uns auf jeden Fall einmischen. Die versprochene Stabilisierung des Rentenniveaus und die Verbesserungen bei der Erwerbsminderung sind erste Erfolge der Gewerkschaften. Unser Engagement hat sich gelohnt. Aber wir sind längst nicht am Ziel. Mittelfristig muss das Rentenniveau wieder steigen. Und wir brauchen eine Rentenversicherung, in die alle Erwerbstätigen einzahlen. Das werden wir in der Debatte halten.

Was ist mit dem Rentenalter?
Urban:
Da wird viel gefährlicher Unsinn diskutiert. Mitunter wird die Anhebung der Regelaltersgrenze auf 70 oder gar darüber hinaus gefordert. Wir lehnen solche Scheinlösungen ab. Schon die Rente mit 67 war eine Fehlentscheidung. Eine höhere Altersgrenze führt nicht dazu, dass die Menschen länger arbeiten. Sie führt vor allem dazu, dass diejenigen, die es nicht schaffen, in eine gekürzte Rente laufen. Wir brauchen realistische Altersgrenzen und Ausstiegsoptionen weit vor der 67. Nur das passt zur Wirklichkeit in den Betrieben und das wollen die Menschen.

Symbol-Bild: IGM Jugend streitet für ihre Rechte – Foto: IGM GH-Archiv

 

 

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