„Tod auf Raten“ – die Wilhelm Krefft AG in Gevelsberg

„Tod auf Raten“ – die Wilhelm Krefft AG in Gevelsberg

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125 Jahre IG Metall – Teil 10

In den Weihnachtstagen 1952 strahlte der Nordwest-deutsche Rundfunk (NWDR) die ersten Fernsehsendungen in der neuen Bundesrepublik aus. Die Schwarz-weiß Bilder konnten im gesamten Bundesgebiet mit Fernsehapparaten der Marke „Weltfunk“ der Firma Krefft in Gevelsberg empfangen werden. Die von Wilhelm Krefft 1842 errichtete Schlossereiwerkstatt entwickelte sich zur Herd- und Ofenfabrik und  nach Ende des 2. Weltkrieges setzte die Wilhelm Krefft AG im Westfälischen auf eine weitere Sparte: Die Radio-und Fernsehtechnik.

1948 kamen die ersten Radiogeräte auf den Markt, die drei Jahre später wie die Fernsehgeräte unter dem Namen „Weltfunk“ vertrieben wurden. Nach Versuchssendungen im Frühjahr 1952 auf den Höhen von Meininghausen begann die Produktion von Fernsehgeräten in den Gebäuden Ecke Jahn-/Mühlenstraße in Gevelsberg. Doch schon drei Jahr später – am 31. Dezember 1955 – wurde laut Presseberichten dieser „unrentable“ Produktionszweig stillgelegt, was rund 200 Frauen den Arbeitsplatz kostete.

Das Kerngeschäft – die Produktion von Herden, Öfen, Großküchenanlagen, Kühlschränken, Spülmaschinen und Heizlüftern setzte Krefft fort. Die Zahl der Beschäftigten in der ehemaligen Herdfabrik stieg auf rund 3.000 an. Später ging der größte Teil des Werkes in die französische Firmengruppe Arthur Martin über und 1965 verleibte sich der schwäbische Konzern Bauknecht, Produzent von Haushaltsgeräten, die Firma am südöstlichen Rand des Ruhrgebiets ein.

„Wir haben den festen Willen das Werk Gevelsberg auf reduziertem Stand zu stabilisieren“, so Günter Bauknecht noch im Frühjahr 1982 in der Stuttgarter Zentrale. In der Belegschaftsversammlung im April des gleichen Jahres setzte sich der Betriebsratsvorsitzende Helmut Langenhagen kritisch mit dem Krisenmanagement der Konzernleitung auseinander. Die geplante Reduzierung der Produktionsmengen stelle eine „rentable Fertigung“ in Frage und habe letztlich die Halbierung der Belegschaft zum Ziel. Zu diesem Zeitpunkt waren noch rund 950 Beschäftigte an der Ennepe in Arbeit.  Das Betriebsratsmitglied Herbert Wils griff mit scharfen Worten die Pläne aus dem Süden der Republik an: „Dieser Plan ist in Wirklichkeit die „Null-Lösung“ für das Werk 9. Es ist der Tod auf Raten“.

Die Entwicklung überschlug sich. Aufgrund verlustträchtiger Auslandsinvestitionen und der Weigerung der Banken weitere Finanzierungszusagen zu machen, musste die Geschäftsführung der G. Bauknecht GmbH am 13. Mai 1982 den Vergleich beantragen. Die Gevelsberger Geschäftsleitung versuchte per betrieblichen Aushang, der Belegschaft Beruhigungspillen zu verabreichen: Die Produktion laufe weiter. Es stünden genügend finanzielle Mittel zur Auszahlung der Löhne und Gehälter sowie zum Kauf für Vormaterial zur Verfügung.

Doch diese Beschwichtigungspolitik brachte keine Ruhe in die Werkshallen und Büros. Schließlich waren die KollegInnen seit Jahren von Kurzarbeit betroffen hatten verschärfte Rationalisierungsmaßnahmen bzw. Produktionsstilllegungen wie die der Möbelmontage erlebt. Als am 30. September 1980 der letzte Möbelkörper vom Band lief, hatten ihn die Kollegen mit einer schwarzen Fahne zugedeckt.

„Bauknecht heißt er, uns bescheißt er!“

Im September 1982 platzte den ArbeitnehmerInnen endgültig der Kragen. Als die Vertrauensleute der IG Metall am Morgen des 13. September bei ihrem Hallenrundgang informierten, dass Günter Bauknecht und der für die Bauknecht-Gruppe eingesetzte vorläufige Vergleichsverwalter Volker Grub im Werk eingetroffen seien, legten die 500 Beschäftigten die Arbeit nieder. Spontan trafen sie sich zur Betriebsversammlung vor der Verwaltung. Schließlich mussten sich die beiden Herren von der Chefetage auf den Vorplatz begeben. Hier schallten ihnen Sprechchöre wie „Bauknecht heißt er, uns bescheißt er!“ entgegen.

Während Dr. Grub noch in der Vorwoche schwadroniert hatte, von wegen „um das Gevelsberg Werk wird hart gerungen“, ließ er nun gegenüber den Protestierenden die Bemerkung fallen, dass sich „ohnehin keiner findet, der bereit ist, 20 oder 25 Millionen Mark zu investieren. Der IG Metall-Bevollmächtigte Hans Hirsch wies die Bemerkung des Vergleichsverwalters, Werk 9 sei nicht konkurrenzfähig, entschieden zurück. Er warf den Verantwortlichen vor, mit gezinkten Karten zu spielen und verlangte, dass dem Betriebsrat die bisher verweigerten wirtschaftlichen Unterlagen ausgehändigt werden.

Daraufhin ließen Bauknecht und Grub die Katze aus dem Sack: Sie kündigten unter wütenden Rufen und Pfiffen der Versammelten die Schließung des Standortes für Mitte 1983 an. Zynisch baten sie die von Arbeitslosigkeit bedrohten Menschen „um Verständnis für die geplante Maßnahme“ und forderten sie auf, in dieser Zeit „die Produktion nicht zu stören.“ Ende Oktober 1982 eröffnete das Amtsgericht Stuttgart den Anschlusskonkurs.  Wenige Tage danach verkaufte Konkursverwalter Grub die Firma Bauknecht an die Deutsche Phillips Industrie GmbH. Am 22. Juli 1983 stoppten die Fließbänder im Werk 9 an der Ennepe für immer.

Aus den Trümmern des ehemaligen Firmen-Imperiums sicherten sich die Brüder Bauknecht die Thermotechnik G. Bauknecht GmbH (Stuttgart) und die Krefft Gewerbeanlagen GmbH (Gevelsberg). Am 4. Januar 1983 schrieb die „Gevelsberger Rundschau“: „117 ehemalige ‚Bauknechte‘ der Bereiche Geschirrspülmaschinen, Thermotechnik und Küchenmaschinen absolvierten ihren ersten Arbeitstag als ‚Krefftianer‘“. Die Freude über die Rettung  von knapp über 100 Arbeitsplätzen wurde nicht von allen geteilt. „Wenn etwas gerettet worden ist, dann wohl nur die „Millionen der Brüder Bauknecht“, so Willi Ebbinghaus, ehemaliger Betriebsratsvorsitzender der Firma Busch in Haßlinghausen.

Bei dieser Stilllegung konnte exemplarisch beobachtet werden wie Kapitalisten besser als ihre Arbeiter Krisen überstehen. Während die Beschäftigten in die Arbeitslosigkeit entlassen wurden, sorgten eine liechtensteinische und drei deutsche Stiftungen dafür, dass sich die finanziellen Folgen der unternehmerischen Fehlentscheidungen für die Brüder Günter und Gert Bauknecht in Grenzen hielten. „Das vom Konkurs verschont gebliebene Stiftungsvermögen – um die 200 Millionen Mark – reicht für einen sorgenfreien Lebensabend“, schrieb am 18, April 1983 Der Spiegel.

Krefft ist insolvent – Italienische Ali-Group übernimmt

1996 teilten die Eigentümer die traditionsreiche Krefft GmbH 1996 in drei „Säulen“ auf: Erste Säule: Produktionsgesellschaft für Spültechnik, Konstruktion und Entwicklung, zweite Säule: Vertriebsgesellschaft Thermik und dritte Säule: Küchenmaschinen. Zwei Jahre später, Anfang 1998, eröffnete das Amtsgericht über die Krefft-Vertriebs GmbH (KVG) und die Nirosta-Technik GmbH das Konkursverfahren.

Die Bemühungen des Betriebsrates unter seinem Vorsitzenden Uli Flasshoff und des Gewerkschaftssekretärs Jochen Stobbe, mit einer „Arbeitnehmerinitiative“ die Arbeitsplätz zu erhalten, waren nur teilweise erfolgreich. Europas zweitgrößter Hersteller von Großküchengeräten, die italienische Ali-Group, unterzeichnete bei einem Notar in Zürich die Kaufverträge für die Krefft Vertriebs GmbH und die nicht in Konkurs gegangene Krefft Küchenmaschinen GmbH. Für insgesamt 52 Beschäftigte wurde der Arbeitsplatz vorerst gesichert. Die Produktion wurde zunächst in Gevelsberg, dann in Bochum und zuletzt in Schwelm fortgesetzt.

Im Sommer 2010 bekamen die inzwischen auf 23 KollegInnen geschrumpfte Belegschaft mitgeteilt, dass die Produktion ins badische Rastatt verlagert werde. „Wer mitkommen will, kommt mit, wer nicht mitkommt, bekommt die Kündigung“, so das erpresserische Vorgehen der Geschäftsführung. Der in aller Eile mit Unterstützung von IG Metall-Sekretär Sven Berg gewählte Betriebsrat konnte die Verlagerung nicht verhindern. Mit dem Abschluss des Sozialplans endete nach über 160 Jahren endgültig die wechselvolle Historie des in Gevelsberg gegründeten Traditions-Unternehmens Krefft.

Der Text stützt sich u.a. auf folgende Quellen:
IG Metall Gevelsberg-Hattingen (Hrsg.) Geschäftsbericht 2008-2011
Otto König, „Band der Solidarität – Widerstand, Alternative Konzepte und Perspektiven“, VSA Verlag Hamburg 2012

Foto: Krefft „Weltfunk“ Radiogerät Ende der 1940er Jahre aus Gevelsberg

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