Respekt für die Opfer

Respekt für die Opfer

von -
283

Anschlag in Münster: Vorurteile statt Fakten

Schwerstverletzte rangen mit dem Tod, in den Krankenhäusern von Münster kämpften Chirurgen bei  Notoperationen um das Leben der Opfer eines brutalen Anschlages, Polizeibeamte standen noch am Anfang ihrer Ermittlungen, auf der Suche nach den Motiven des Täters – das alles hielt die rechte AfD-Spitzenpolitikerin Beatrix von Storch nicht davon ab, schon zwanzig Minuten nach den ersten Meldungen über die Tragödie in einem Tweet nahezulegen, dass der Täter nur Ausländer/Flüchtling/Islamist sein könne.

Ihre Schwestern und Brüder im Geiste, die politischen Lumpensammler aus der rechten Ecke, blieben nicht untätig. „Danke, Merkel“ wurde vorschnell in die Kommentarfelder der sozialen Netzwerke gepinnt. Es wurde gemutmaßt, vorverurteilt, gepöbelt, Angst gestreut – von Trauer, Fassungslosigkeit und Wut über die Sinnlosigkeit des entsetzlichen Verbrechens war nichts zu lesen.

Dass Beatrix von Storch gerne twittert ist bekannt und dass sie die sozialen Medien nutzt, um sämtliche Grenzen des Anstands hinter sich zu lassen. Da forderte sie den Schießbefehl gegen Flüchtlinge und ihre Kinder an den Grenzen und will es dann nicht gewesen sein, „ich bin auf der Computermaus ausgerutscht“ sagte sie später. Ein anderes Mal schwadronierte sie von „muslimischen, gruppenvergewaltigenden Männerhorden“ oder bezeichnete die Verantwortlichen des VFL Osnabrück als „Honks“, weil sie die Spieler mit einem Trikot mit der Aufschrift „Gegen rechts“ auflaufen ließen, sich also gegen Diskriminierung und Rassismus positionierten.

Und sogar im Angesicht des Todes instrumentalisierte die rechte Hetzerin die Opfer in der westfälischen Stadt für ihre rechtspopulistischen Zwecke. Knackig knapp, alarmistische Großbuchstaben – und am Ende ein fluchendes Emoji mit rotem Kopf: „WIR SCHAFFEN DAS!“ brachte sie ihre Erregung darüber zum Ausdruck, dass „es“ endlich wieder passiert war

Das AFD-Bundesvorstandsmitglied und stellvertretende Fraktionsvorsitzende im Bundestag gehört zu jenen Menschen, die keine Fakten benötigen, um sich eine Meinung zu bilden. Ihnen reichen Vorurteile völlig aus. Ein Drama wie dieses kommt ihnen gerade gelegen, um als Biedermänner und -frauen, rechten Brandstiftern Streichhölzer für ihre Brandsätze zu liefern, die sie im Schutze der Dunkelheit gegen Flüchtlingsheime werfen.

Bei der Amokfahrt des Deutschen Jens Alexander R. (48) aus dem Sauerland mit einem Campingbus in den Biergarten der Gaststätte „Kiepenkerl“ in der Altstadt von Münster wurden zwei Menschen getötet und 25 Menschen verletzt, drei von ihnen schweben noch in Lebensgefahr. Für die Hinterbliebenen und für die Opfer, die auf das Können der Ärzte angewiesen sind, ändert es natürlich zunächst nichts, ob ein Terrorist einen Wagen als Waffe benutzt hat oder ob ein Mensch mit seinem Leben nicht mehr klarkam und auch nicht, ob dieser Mensch Jens oder Mustapha heißt. Für die Familienangehörigen ist die Religion des Täters zweitrangig, sie haben einen Menschen verloren.

Laut Medienberichten soll der Attentäter, der sich selbst erschoss, psychische Probleme gehabt und bereits einen Suizidversuch unternommen haben. Kein vernünftiger Mensch würde jedoch von einem psychisch Kranken auf alle psychisch Kranken schließen, schon gar nicht von einem Deutschen auf alle Deutschen. Beatrix von Storch, die kein Wort über die Opfer oder ihre Angehörigen verloren hat, brachte es dennoch fertig von einem psychisch kranken Deutschen auf alle Muslime zu schließen. Damit diffamiert sie zugleich unter anderem zehntausende türkischer Kolleginnen und Kollegen, die Tag für Tag Seite an Seite mit ihren deutschen Kolleginnen und Kollegen in den Fabriken die Werte schaffen, die sich die Unternehmer aneignen.

Es mag sich banal anhören, aber es muss immer wieder gesagt werden: Jeder Täter ist als Individuum für seine Tat verantwortlich – man darf niemals von ihm auf die Gruppe schließen, der er entstammt, ganz gleich, ob es die Gruppe der Migranten, der psychisch Anfälligen oder Bürger*innen deutscher Abstammung sind.

Es lohnt sich genau hinzusehen, wie eifrig die AfD jede Katastrophe in unserem Land bejubelt und wie kaltblütig sie jedes Todesopfer versucht, zu instrumentalisieren. So schreckte die Rechtsauslegerin nicht davor zurück, die Münsteraner Tragödie zu nutzen, einmal mehr die ganze Palette ihrer ekelhaften und widerlichen Hetze auszubreiten, wonach die Gefahr von den  Ausländer*innen ausgeht. Zunächst fabulierte die Freifrau einen Zusammenhang zwischen der Amokfahrt und der Flüchtlingspolitik herbei. Als sich jedoch herausstellt, dass der Täter Deutscher war, legte von Storch nach: Da man schon genug deutsche Mörder habe, müsse man sich keine aus anderen Rassen mehr dazu holen.

Im nächsten Tweet drehte die Adlige aus dem Hause Oldenburg die Meldung, dass es keinen Hinweis auf einen terroristischen Hintergrund gebe, einfach ins Gegenteil um, und nannte den Täter einen „Nachahmer“ islamistischer Gewalttäter. „Ein Nachahmer islamischen Terrors schlägt zu – und die Verharmlosungs- und Islam-ist-Vielfaltsapologeten jubilieren.“

Jetzt könnte man einfach schweigen: Doch der Respekt vor den Opfern des Terrors und des Anschlags in Münster gebietet es, der AfD-Hetzerin von Storch zuzurufen: Halten Sie endlich und dauerhaft Ihren dummen Mund. Halten Sie sich an die Fakten. Überlegen Sie sich, ob Sie den Schmerz der Angehörigen und der Verletzten mit ihrer üblen Hetze noch vertiefen wollen.

Und ihren Parteifreunden Alice Weidel und Alexander Gauland sei ins Stammbuch geschrieben, was Axel Prahl, einer der beiden Hauptdarsteller in den „Tatort“-Filmen aus Münster, nach dem Attentat geschrieben hat: „Münster, bleib wie du warst und wie wir dich lieben: offen, friedlich, freundlich, stark und stolz. Lass dich jetzt nicht unterkriegen.“ Solchen Zuspruch können all die an Leib und Seele Versehrten gebrauchen, um über die persönliche Katastrophe hinweg zu kommen. Was sie nicht gebrauchen können ist der Hass auf Einzelne oder auf Gruppen in unserer Gesellschaft.

Foto: IGM

ÄHNLICHE ARTIKEL