Machtkampf bei Thyssen-Krupp

Machtkampf bei Thyssen-Krupp

»Aggressive Investoren« setzen auf Zerschlagung

An Rhein und Ruhr herrscht erneut Krisenstimmung. Thyssen-Krupp, das Unternehmen, das wie kein anderes für die wechselvolle Industriegeschichte des Ruhrgebiets steht und mit dem Rückzug aus dem Stahlgeschäft gerade eine der tiefgreifendsten Veränderungen in seiner 200-jährigen Firmengeschichte beschlossen hat, steht vor der Zerreißprobe. Es geht um die Existenz eines Unternehmens, das in 79 Ländern an über 2000 Standorten aktiv ist und im Geschäftsjahr 2016/2017 einen Umsatz von ca. 43 Milliarden Euro mit rund 160.000 Beschäftigten erzielt hat. Im Konzern wächst die Angst vor einer Zerschlagung. In Nordrhein-Westfalen geht es um fast 40.000 Konzernarbeitsplätze plus einem Netz von Zulieferern, die Existenzprobleme bekommen, wenn Thyssen-Krupp nicht mehr nur wankt, sondern fällt.

Seit mindestens sieben Jahren wird über die strategische Ausrichtung des Unternehmens gestritten. Durch Missmanagement und Fehlinvestitionen beim Bau eines Stahlwerks in Brasilien und eines Walzwerks in Calvert in der »gewerkschaftsfreien Zone« im US-Bundesstaat Alabama wurden rund zwölf Milliarden Euro in den Sand gesetzt. Der Konzern geriet an den Rand des Ruins. Daraufhin hatte der frühere Siemens-Manager Heinrich Hiesinger, der 2011 den Vorstandsvorsitz übernahm, die Umwandlung des Stahlproduzenten zum Technologiekonzern vorangetrieben. Unternehmenssparten wie Edelstahl und die Stahlwerke in Übersee wurden verkauft sowie massiv Arbeitsplatzabbau betrieben.

Im Streit um die künftige Unternehmensstrategie beharken sich seit Monaten die verschiedenen Machtzentren des Konzerns: Während der Vorstand, der Aufsichtsratsvorsitzende und die Arbeitnehmervertreter*innen im Aufsichtsrat den Industrie- und Dienstleistungskonzern mit den fünf »Business Areas« – Components Technology (Automotives), Elevator Technologie (Aufzüge), Industrial Solutions (Industrieanlagenbau und Schiffbau), Material Services (Stahlhandel) und Steel Europe aufrecht erhalten wollen, fordern Anteilseigner wie die Hedgefonds aus Schweden und Amerika, Cevian und Elliott, eine aggressive Restrukturierung des Unternehmens.

Cevian Capital, mit knapp 18% zweitgrößter Aktionär nach der Krupp-Stiftung, und Paul Singers US-Hedgefonds Elliott Management, der fast drei Prozent der Anteile hält, betreiben offensiv die Zerschlagung des Konzerns und dessen personelle Neubesetzung. (1) So hatte Cevian-Gründer Lars Förberg bereits im Dezember vergangenen Jahres einen Generalangriff gestartet und eine Aufspaltung des Unternehmens gefordert. »Konglomerate alten Stils wie Thyssen-Krupp funktionieren nicht mehr«, erklärte Förberg in der Zeit.

Den Fonds, die ihre Renditeerwartungen an der Kapitalverwertung auf den Finanzmärkten orientieren, sind Mischkonzerne, die Unternehmen aus verschiedenen Branchen vereinen und dadurch konjunkturelle Höhen und Tiefen der verschiedenen Bereiche ausgleichen können, ein Dorn im Auge. Sie drängen darauf, dass die Geschäftssparten von Thyssen-Krupp in einer Weise neu aufgestellt werden, dass sie – wie es euphemistisch heißt – »flexibel und frei von unverhältnismäßig hohen Kosten und Bürokratie« sind.

In diesem Machtkampf auf offener Bühne haben kurzfristig nacheinander Konzernchef Heinrich Hiesinger und Aufsichtsratschef Ulrich Lehner ihren Rücktritt erklärt. Bevor er die Bühne des Aufsichtsrats verließ, hatte Lehner in einem Interview mit Die Zeit das Verhalten »einzelner aktivistischer Investoren« als Psychoterror bezeichnet, inszeniert durch das Platzieren von »Unwahrheiten in der Öffentlichkeit, unberechtigte Rücktrittsforderungen bis hin zum Belästigen von Nachbarn und Familienmitgliedern«. Während die Finanzinvestoren im Hintergrund Allianzen schmieden, habe der größte Ankeraktionär des Unternehmens, die Krupp-Stiftung, zögerlich agiert, ließ sein Umfeld gegenüber Wirtschaftsredakteuren durchsickern.

Der schwedische Finanzinverstor Cevian, der vor fünf Jahren bei Thyssen-Krupp einstieg, stellt von Anbeginn an einen Unruheherd im Konzern dar. Als dann im Frühjahr zusätzlich der US-Hedge-Fonds Elliott Management mit dem Milliardär und Gründer Paul Singer, bekannt als Firmen-Zerfledderer und Brutal-Sanierer, der beispielsweise den Staat Argentinien in die Pleite getrieben hat, als Anteilseigner einstieg, begannen im Essener Konzern die Chaostage.

Die US-Amerikaner unterstützten nicht nur den Kurs der schwedischen Investmentgesellschaft, sondern lösten mit ihrer aggressiven Forderung nach mehr Rendite und den Rücktritt Hiesingers eine Kettenreaktion aus, die das Unternehmen in Turbulenzen brachte.»Charakteristisch für aktivistische Investoren ist der häufige Versuch, den direkten Einfluss (…) auf die Unternehmensorgane zu hebeln«, heißt es in einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung über das Agieren von Finanzinvestoren.(2) Das scheint bei Thyssen-Krupp gelungen zu sein.

Um den DAX-Konzern künftig unabhängiger vom volatilen Stahlgeschäft aufzustellen und die Profitmargen zu steigern, unterzeichnete Heinrich Heisinger nach über zweijährigen Verhandlungen – kurz vor seinem Abgang – die Verträge für ein Gemeinschaftsunternehmen von Thyssen-Krupp Steel Europe mit der europäischen Stahlsparte Tata Steel des indischen Konkurrenten. Europas zweitgrößter Stahlkonzern mit einem Umsatz von über 17 Milliarden Euro und 48.000 Arbeitnehmer*innen an Standorten in Deutschland, Großbritannien und den Niederlanden, wird Thyssen-Krupp Tata Steel B.V. heißen.

Thyssen-Krupp ist daran mit 50% beteiligt. Erhofft werden jährlich wiederkehrende Synergieeffekte in einer Größenordnung von 400 bis 500 Millionen Euro. Das Gemeinschaftsunternehmen wird künftig aus der Zentrale in Amsterdam, bekanntlich eine der zahlreichen Steueroasen in der EU, geführt. Bislang befindet sich die Hauptverwaltung der Thyssen-Krupp-Stahlsparte in Duisburg. Damit ist die Keimzelle des Konzerns »Stahl« künftig kaum mehr als eine Finanzbeteiligung. Ironie der Geschichte: Gegenwärtig schreiben die Hüttenwerke satte Gewinne (bis Ende Juni summiert sich der Betriebsgewinn – EBIT – auf 586 Millionen Euro).

Die IG Metall hatte sich gemeinsam mit den Betriebsräten und Belegschaftsmitgliedern u.a. wegen der geplanten Vernichtung von bis zu 4.000 Arbeitsplätzen, davon etwa die Hälfte in Deutschland, mit Protesten gegen die Stahl-Fusion mit Tata gewehrt. Nachdem die Gewerkschaft in einem Tarifvertrag eine »Beschäftigungsgarantie« bis zum 30. September 2026 sowie langfristige Zusagen zur »Standortsicherung« für die Stahlkocher durchsetzen konnte, gaben die Interessenvertreter den Widerstand auf. Anfang 2018 segneten die 21.000 IG Metall-Mitglieder unter den 27.000 Beschäftigten der Stahlsparte den Deal mit 92,2% JA-Stimmen mit der Faust in der Tasche ab. Im Gegenzug kann das Management Ende 2020 einzelne Anlagen auf deren »Wirtschaftlichkeit« überprüfen, so beispielsweise an den Standorten Bochum und Duisburg. Ende Juni stimmte der Thyssen-Krupp-Aufsichtsrat mit Mehrheit dem 50:50-Joint-Venture mit Tata Steel zu.

Nicht, dass eine Beschönigung der jüngsten Unternehmensgeschichte angesagt wäre! Der Konzern wurde nach gigantischen Fehlinvestitionen, Kartellstrafen sowie Kapital- und Beschäftigungsverlusten mit einer Marktkapitalisierung von nur 14,3 Milliarden Euro abgestraft. »Die durchschnittliche Eigenkapitalrendite war von 2013 bis 2017 – wegen des Verlustes – mit 9,2% stark negativ. Erschreckend niedrig ist auch die Eigenkapitalquote mit nur 9,7%«, so der Wirtschaftswissenschaftler Heinz-J. Bontrup. (3) Doch trotz eines kumulierten Verlustes von gut 1,2 Milliarden Euro in den Jahren 2013 bis 2017 sei es im gleichen Zeitraum zu unverantwortlichen Dividendenausschüttungen an die Shareholder von jahresdurchschnittlich 65,1 Millionen Euro gekommen.

Die Finanzinvestoren ließen die Konzernteile berechnen – eine sogenannte »Sum of the parts«-Analyse. Das Objekt der Begierde ist die Aufzugssparte »Elevator Technologie« mit 52.000 Beschäftigten. Obwohl ihr Anteil am Konzernumsatz nur ein Fünftel ausmacht, steuern sie mehr als die Hälfte des Gewinns bei. Dabei scheint es noch erheblich Luft nach oben zu geben. Konkurrenten wie Schindler und Kone hätten nur etwa ein Fünftel höhere Umsätze, seien aber an der Börse weit höher bewertet als Thyssen-Krupp insgesamt.

Nach Berechnungen der Investmentbank Jefferies ist die Aufzug-Sparte von Thyssen-Krupp allein gut 16 Milliarden Euro wert. »Mit einer Zerschlagung des Konzerns ließe sich ein Wert von 50 Prozent heben«, so Analyst Alan Spence in der Welt am Sonntag (08.07.2018). Marktführer ist gegenwärtig Otis mit einem Marktanteil von 18%, aber ein Joint Venture von Thyssen-Krupp mit Kone würde es auf 27% bringen. Die Synergieeffekte und damit potenziellen Kosteneinsparungen werden auf acht Milliarden Euro geschätzt.

Im Streit mit Spekulanten und Investoren ist es sinnvoll, wenn Unternehmen einen Ankeraktionär an der Seite haben wie beispielsweise VW das Land Niedersachsen. Auch deshalb blicken die Beschäftigten im Ruhrgebiet ebenso wie die der Werften in Kiel auf die Villa Hügel im Essener Stadtteil Bredeney, wo die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung über das Erbe der Krupps wachen soll. Die Stiftung, mit einem Anteil von 21% nach wie vor der größte Aktionär des Thyssen-Krupp-Konzerns, kommt die Hauptrolle bei der Bewältigung der Unternehmenskrise zu.

Allerdings haben die Repräsentanten der Krupp-Stiftung erstaunlich passiv agiert. Erst nach heftigen Vorwürfen aus der Belegschaft, das Unternehmen im Konflikt mit den Finanzinvestoren im Stich gelassen zu haben, sah sich die Vorsitzende des Kuratoriums, Ursula Gather, genötigt, zu erklären: »Die Krupp-Stiftung sieht sich auch in Zukunft dem Willen ihres Stifters Alfried Krupp von Bohlen und Halbach verpflichtet, die Einheit des Unternehmens möglichst zu wahren«. Sie stellte jedoch im Internet das Zitat »Vorstellungen einer falsch verstandenen Tradition dürfen uns nicht hindern, zu neuen Wegen zu finden« von Alfried Krupp von Bohlen und Halbach voran.

Dass die Weiterentwicklung den Bruch mit der Tradition bedeuten kann, lässt alle Möglichkeiten offen. So verweisen selbsternannte Experten immer wieder auf die Strategie bei Siemens hin, die ein Vorbild für Thyssen-Krupp sein könne. Dort habe Konzernchef Joe Kaeser die Medizintechnik abgespalten und an die Börse gebracht, die Windenergie mit dem spanischen Unternehmen Gamesa vereinigt und nun werde die Siemens Mobility GmbH mit dem französischen Konzern Alstom, dem Produzenten des Hochgeschwindigkeitszuges TGV, fusioniert.

Angesichts der für die Beschäftigten bedrohlichen Entwicklung nimmt die IG Metall besonders die Krupp-Stiftung in die Pflicht: »Ich erwarte, dass die Stiftung für ein nachhaltiges industrielles Konzept steht«, sagte der IG Metall NRW-Bezirksleiter Knut Giesler. Den Ball nahm Armin Laschet (CDU) auf und verkündete, dass er als Mitglied der Krupp-Stiftung und als Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen »den Zukunftsprozess von Thyssen-Krupp aktiv begleiten« werde. Fakt ist: Wenn sich die zehn Arbeitnehmervertreter und die Stiftung mit ihren zwei Mandaten einig sind, haben sie eine strategische Mehrheit im Aufsichtsrat, gegen die die »Spaltpilze« Cevian und Elliott wenig ausrichten können.

In einer Videobotschaft versuchte der neue Thyssen-Krupp-Chef Guido Kerkhoff die Belegschaft zu beruhigen: Eine Zerschlagung des Konzerns sei nicht geplant, um gleichzeitig zu bekräftigen: »Die Forderung unserer Aktionäre nach einer Wertsteigerung ist berechtigt«. Die Rendite müsse gesteigert werden, um das Vertrauen des Kapitalmarkts zu stärken. Mit dem Hinweis, die Verwaltungskosten seien zu hoch, signalisierte er weitere Sparprogramme (Wirtschaftswoche, 24.07.2018).

Die Politik der Gewerkschaft ist defensiv. Damit mag die IG Metall früheren Gepflogenheiten gerade auch in der Stahlindustrie folgen. Das rächt sich in einer Zeit, in der sich die Unternehmensstrategien zügig wandeln. Die Einflussnahme passiver und aktivistischer Investoren erfolgt dabei nach vergleichbaren Mustern und in einem eher kurzfristigen Anlagehorizont – über ein Drittel der Investments von Private-Equity-Investoren sind auf drei bis vier Jahre befristet. Eine verlässliche Unternehmenspolitik mit längerfristigen Personalplanungen ist damit nahezu ausgeschlossen.

Die Entscheidungskalküle aktivistischer Investoren sind »alleine der Logik des Kapi­talmarkts und dessen Verarbeitung kursrelevanter In­formationen unterworfen. Ein Ausgleich mit den lang­fristigen Interessen der Belegschaft am Unternehmen ist unter diesen Bedingungen oft kaum realisierbar. Für langfristige Strategieprozesse, die Entwicklung gefes­tigter Konzernstrukturen und eine konsensorientierte Aushandlung gemeinsamer Ziele ist in diesem Kalkül kein Platz.« Das tangiert die Gewerkschaftspolitik im Kern. Mitbestimmung ist ohne »langfristige Strategieprozesse« gleichsam »systemisch« ausgeschlossen.

Artikel von Otto König, ehemaliger 1. Bevollmächtigter der IG Metall (Hattingen) und Richard Detje, Redakteur der Zeitschrift Sozialismus (Hamburg)

Anmerkungen
(1) Der schwedische Finanzinvestor Cevian verwaltet für internationale Anleger derzeit ein Vermögen von rund 13 Milliarden Euro. Der Hedge-Fonds Elliott Management verwaltet die Summe von 34 Milliarden Dollar. Die »aggressive Inverstoren« haben 2017 bei weltweit 193 Kampagnen 62 Milliarden US-Dollar investiert, mehr als doppelt so viel wie im Jahr zuvor. Vgl. Handelsblatt v. 22.06.2018.
(2) Alexander Sekanina: Finanzinvestoren und Mitbestimmung, HBS-Mitbestimmungsreport Nr. 42/2018.
(3) Vgl. Heinz-J. Bontrup: »Heuschrecken« auf Beutejagd, Neues Deutschland v. 21.07.2018

Foto: reuters/ Montage: Dmitri Broido

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