Kampf gegen die Demontage der Henrichshütte

Kampf gegen die Demontage der Henrichshütte

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125 Jahre IG Metall – Teil 8

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges beschlossen die drei Siegerstaaten – Sowjetunion, USA und Großbritannien – auf der gemeinsamen Konferenz in Potsdam die politische und geographische Neuordnung Deutschlands, den Umgang mit den deutschen Kriegsverbrechern und die Entmilitarisierung des Landes. Im „Potsdamer Abkommen“ wurde vereinbart, die Rüstungsindustrie in Deutschland zu zerstören, die Stahlproduktion einzuschränken und die Betriebsanlagen auf die Siegermächte aufzuteilen.

Zwei Jahre später, Mitte Oktober 1947, veröffentlichte die Zeitschrift der Bund eine Liste, der von der Demontage betroffenen 681 Werke. Die zu diesem Zeitpunkt in Gevelsberg ansässige Bezirksleitung Industriegewerkschaft Eisen und Metall berichtete dem Vorstand in Mülheim, dass in ihrem Gebiet 114 Betriebe demontiert werden sollen – darunter die Betriebe Ruhrstahl Henrichshütte, Wengeler & Kalthoff, Paul Pleiger (im Bereich Hattingen), Dörken AG und Theodor Tilemann (im Bereich Gevelsberg).

Protest der Hattinger Stadtverordneten

Der geplante Abbau der Produktionsanlagen auf der Henrichshütte – Hochöfen, Stahl- und Blechwalzwerk und Stahlformgießerei – bedrohte ca. 1.900 Arbeitsplätze unmittelbar und 2.500 mittelbar, ohne diese Anlagen war die Überlebensfähigkeit der Hütte in Frage gestellt. Gewerkschafter wie der Hattinger Bevollmächtigte Willi Herold waren beim Thema Demontage hin- und hergerissen, einerseits waren sie sich bewusst, dass durch Reparationen mit zum Wiederaufbau der durch den Hitlerkrieg zerstörten europäischen Gebiete beigetragen werden musste, doch andererseits wussten sie, dass dieser Beitrag nur geleistet werden konnte, wenn Arbeitsstätten und Arbeitsmöglichkeiten erhalten blieben.

Die IG Metall Gruppe Eisen und Metall Hattingen, der Betriebsrat der Hernichshütte und die Kommunalvertretungen in Hattingen und der Gemeinden Blankenstein und Welper appellierten deshalb gemeinsam an die britischen Militärbehörden, von diesen Plänen abzurücken.  In der „Protestsitzung“ des Rates in Hattingen forderten die Stadtverordneten einstimmig „die Existenzfähigkeit des Werkes zu erhalten und somit den Untergang der Stadt Hattingen zu verhindern“.

In den im November 1947 beginnenden Demontageverhandlungen in Düsseldorf, setzte die deutsche Seite von Anfang an darauf, konkrete Entscheidungen hinaus zu zögern. Die Briten ließen sich darauf ein, da damit die Interessen der Gewerkschaften berücksichtigt werden konnten. Am 14. Oktober 1948 übergab der Betriebsrat der Militärbehörde eine Resolution, in der es hieß: „4.000 Belegschaftsmitglieder der Henrichshütte (…) wenden sich angesichts der bevorstehenden Entscheidungen mit einem letzten Appell an die verantwortlichen Stellen, die Zerstörung ihrer Arbeits-plätze abzuwenden.“

Anfang 1949 sprach NRW-Wirtschaftsminister Erik Nölting auf einer Veranstaltung des SPD-Ortsvereins Welper in der Horstschule. Das Betriebsratsmitglied Willi Michels, in späteren Jahren geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall, machte den Wirtschaftsminister auf die „Sorgen der Belegschaft und der Gemeinde Welper aufmerksam“. Diese Veranstaltung und ein späterer Besuch auf der Hütte löste bei Nölting nicht nur „fürsorgliche Sympathie, Solidarität und Mitgefühl mit dem Schicksal der Stahlarbeiter und ihrer Familien“ aus, sondern auch sein Engagement für das Überleben der Hütte. (Frank Bünte)

Schalke-Stadionsprecher erklärt Solidarität

Im Betriebsrat konnte der gelernte Schmied Willi Michels schildern, wie es ihm und einer Delegation gelang, bei einem Fußballspiel von Schalke 04 in Gelsenkirchen dem DGB-Vorsitzenden Hans Böckler und dem SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher die Grüße der Henrichshütten-Belegschaft zu überbringen und um politische Unterstützung zu bitten. Die Delegation sei im Stadion über Lautsprecher begrüßt worden. Der Sprecher habe unter großem Beifall die Solidarität mit ihrem Kampf gegen die Demontage erklärt.

Doch am 6. April 1949 kam der Nackenschlag für die Belegschaft. Colonel G. A. Bamford, Leiter der Wuppertaler RDR-Dienststelle (Reparations, Deliveries and Restitutions) teilte dem Betriebsratsvorsitzenden Ernst Kersting und dem Betriebsratsmitglied Willi Michels sowie dem Werksleiter Richard Bauer mit, dass im ersten Schritt der Ofen 9 im Stahlwerk und im Walzwerk die 2,3-Meter Grobblechstraße abgebaut werden sollte. Nach dem die erste Demontagekolonne ihre Arbeut aufnahm, legte die Belegschaft die Arbeit nieder und leistete passiven Widerstand.

Bamford warnte bei einem weiteren Besuch den Betriebsratsvorsitzenden Kersting vor erneuten Demonstrationen oder Übergriffen auf die Demontagetrupps.

Anfang Juli 1949 wurden die geplanten Abrissarbeiten an der Mittelblechstraße überraschend unterbrochen. Die Arbeiten wurden aufgeschoben. Die Briten sahen ein, dass die Demontage der Henrichshütte eine schwierige Beschäftigungslage schaffen würde und wollten „Alternativen akzeptieren“. Wirtschaftsminister Nölting sollte kurzfristig ein anderes Stahlwerk als Tauschobjekt für die Henrichshütte vorschlagen. Betriebsrat und Vorstand der Dortmund-Hörder-Hüttenunion wehrten sich jedoch vehement dagegen, dass sieben Siemens-Martin-Öfen in Hörde für den Erhalt des Hattinger Werkes geopfert werden sollten.

„Wir haben alle unsere Pflicht getan!“

Neben dem großartigen Engagement der Betriebsräte, der IG Eisen und Metall und des Wirtschaftsministers Erich Nölting trug der aufziehende „Kalte Krieg“ zwischen den Westalliierten und der Sowjetunion maßgeblich zur Verhinderung der Demontage der Hütte bei. Die amerikanischen Gewerkschaften starteten in den USA eine Kampagne gegen die Demontage. Zugleich schwand bei den Ländern, die Anspruch auf deutsche Reparationsleistungen hatten und Gelder aus dem „Marshallplan“ für neue Anlagen und Maschinen bekamen, das Interesse an alten demontierten Anlagen. Schließlich wurden im „Petersberger Abkommen“ vom 22. November 1949 alle noch nicht demontierten Unternehmensteile in den Westzonen von der Demontageliste gestrichen.

4500 Stahlarbeiter versammelten sich daraufhin am 27. November 1949 auf dem Werksgelände der Henrichshütte zu einer Kundgebung. Betriebsratsvorsitzender Ernst Kersting dankte dem Minister für seine „aufopferungsvolle Arbeit“. „Wer soll denn wen beglückwünschen?“, fragte Erik Nölting zurück und stellte fest, „wir haben alle unsere Pflicht getan“. Die Gemeinde Welper benannte eine Schule nach ihm und die Stadt Hattingen verlieh dem DGB-Vorsitzenden Hans Böckler für seine Verdienste eine Ehrenurkunde.

 

Foto_IGM Jugend fordert HBS _19.12.1979Foto: Die OJA-Mitglieder: Tina Flügge, Karl-Heinz Flügge und Michael Leßmann (v.l.n.r) und Adi Ostertag (3.v.l.) bei der Aktion am 19.12.1979 vor der Hütte.

Aktion der IGM-Jugend „Hans-Böckler-Strasse“

30 Jahre später, am 19. Dezember 1979, benannten Mitglieder des Ortsjugendausschusses in Hattingen die „Brucherstrasse“ vor der Hütte symbolisch in „Hans-Böckler-Straße“ um. In einer kurzen Ansprache erinnerte der damalige Leiter des IG Metall-Bildungszentrums Sprockhövel Adi Ostertag an den Kampf gegen die Demontage und begründete die Forderung der IGM-Jugend nach der Straßen-Umbenennung: „Wir wollen nicht irgendwo eine Hans-Böckler-Straße, sondern hier. Denn für die Erhaltung der Hütte hat er gekämpft. Und die Kolleginnen und Kollegen sollen auf dem Weg von und zur Arbeit an ihn erinnert werden.“ Danach wurde in einem feierlichen Akt das neue Straßennamensschild „Hans-Böckler-Straße“ enthüllt.

Doch der Hauptausschuss des Rates negierte die Forderung der jungen Gewerkschafter und entschied die Brucherstraße in „Hüttenstraße“ umzubenennen. Stattdessen sollte nach Abstimmung mit Velbert die Straße „Am Homberg“, die zur Hans-Böckler-Schule führt, in Hans-Böckler-Straße umbenannt werden. Allerdings wurde auch dieses Vorhaben bis auf den heutigen Tag nicht umgesetzt.

Foto: Proteste gegen Demontage der Hochöfen und Stahlwerke – Archiv-Bild
Foto: Die OJA-Mitglieder Tina Flügge, Karl-Heinz Flügge und Michael Leßmann (v.l.n.r) und Adi Ostertag (3.v.l.) bei der Aktion am 19.12.1979 vor der Hütte.

Der Text stützt sich u.a. auf folgende Quellen:
IGM Hattingen (Hrsg.) „Die Einheit hüten – auf die eigene Kraft vertrauen!“, Hattingen November 1985
IGM Hattingen (Hrsg.) „Dokumentation zur Aktion der Jugend der IG Metall „Hans-Böckler-Straße, Hattingen Dezember 1979 – Otto König, „Band der Solidarität – Widerstand, Alternative Konzepte und Perspektiven“, VSA Verlag Hamburg 2012

 

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