Ihr stehlt den Kindern ihre Zukunft!

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„Fridays for Future“: Schüler demonstrieren für den Klimaschutz

„Das Klima kann nicht warten“ und „Make earth cool again!“ Gemeinsam mit tausenden Schüler*innen demonstrierte die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg für eine bessere Klimapolitik Anfang März durch Hamburg. „Viel zu lange sind Politiker damit durchgekommen, nichts zu tun, um die Klimakrise zu bekämpfen. Aber wir werden das ändern. Wir streiken, bis sie etwas tun“, rief die Schwedin den 10.000 Protestierenden zu, die sich trotz Androhung disziplinarischer Maßnahmen der Schulbehörde während der Schulzeit auf dem Rathausplatz und in den angrenzenden Straßen versammelt hatten.

Seit Wochen gehen Jugendliche für ihre Forderung, den Klimawandel ernsthaft zu bekämpfen, auf die Straße. Und damit das jeder mitbekommt und sich darüber aufregt, „schwänzen“ sie den Unterricht. Denn ohne diesen Regelbruch bekämen sie nicht die notwendige Aufmerksamkeit für das Thema „Klimawandel“, das sie bewegt – mit den lokalen Extremen wie Starkregen und Überschwemmungen, Hurrikans und Tornados, Dürre und Waldbrände sowie den beachtlichen Anstieg des Meeresspiegels und den Verlust vieler Küstenregionen.

Alle Nationen hatten sich im „Klimaabkommen von Paris“ verpflichtet, ihren Teil zur Begrenzung des Anstiegs der Erderwärmung auf Basis eines weltweiten wissenschaftlichen Konsenses beizutragen. In dem Abkommen heißt es: „Die Erderwärmung soll im Vergleich zum vorindustriellen Niveau auf deutlich unter zwei Grad Celsius, idealerweise auf 1,5 Grad begrenzt werden.“ Die jugendlichen „Streikenden“ wollen nicht länger zusehen, dass Regierungen nichts gegen die Klimaänderungen unternehmen oder im Interesse der Industrie – wie der US-amerikanische Präsident – sogar leugnen.

Die jungen Menschen akzeptieren nicht mehr, dass unser Planet weiter geplündert wird. Denn es gibt ja nur diesen einen. „Ihr sagt, dass ihr eure Kinder über alles liebt, aber ihr stehlt ihnen die Zukunft vor ihren Augen,“ klagt Greta Thunberg an. Deshalb fragen sie und ihre Mitstreiter*innen nicht, was politisch möglich ist, sondern stellen fest, was getan werden muss. Nach dem Motto: Wenn sich keine Lösungen im bestehenden System finden, müssen wir das System ändern.

Es ist erst ein halbes Jahr her, dass die 16-jährige Schülerin aus Stockholm an einem Freitag die Schule schwänzte und sich allein mit dem Transparent „Skolstrjk for Klimatet“ vor das Parlament setzte, um für stärkere Klimaschutzbemühungen ihres Landes zu protestieren. Seither streikt sie jeden Freitag. Ihre Aktion verbreitete sich durch den Hashtag #FridaysforFuture wie ein Lauffeuer. Aus ihrem Protest ist eine globale Bewegung geworden und sie deren Symbolfigur. Spontan haben sich Schüler*innen erst in anderen schwedischen Städten, dann in Norwegen und schließlich in den Niederlanden und Belgien sowie in Deutschland und Australien, angeschlossen.

Durch Auftritte auf der UN-Klimakonferenz im polnischen Katowice, dem Weltwirtschaftsforum in Davos und beim Kongress des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses in Brüssel ist sie weltberühmt geworden. Die schwedische Schülerin tritt nicht als Bittstellerin, sondern als Anklägerin auf. Sie sei nicht hierhergekommen, um vor den Weltpolitikern darum zu betteln, dass sie sich endlich kümmern. Sie hätten die Jugend schon in der Vergangenheit ignoriert und würden es wieder tun, obwohl die Zeit davonlaufe. „Wir sind hierhergekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass ein Wandel kommen wird, egal, ob Sie es wollen oder nicht,“ „sagte sie auf dem Klimagipfel und beendete ihre Rede mit den eindringlichen Worten: „Euch gehen die Entschuldigungen aus, uns die Zeit.“   

Auf dem jährlichen Treffen internationaler Wirtschaftsgrößen – dem Weltwirtschaftsforum in Davos – knöpfte sie sich die Verantwortlichen vor: „Ich will, dass ihr in Panik geratet,“ alle sollten die Angst spüren, die sie selbst jeden Tag spüre, „unser Haus brennt“. Dass die junge Umwelt-Aktivistin keine Träumerin ist bestätigte der in Davos vorliegende „Weltrisikobericht“, in dem es heißt: „Von allen Risiken ist es bei der Umwelt am offensichtlichsten, dass die Welt in eine Katastrophe schlafwandelt.“ Der Klimaschutz sei eine der drängendsten Herausforderungen.

Den Politikern In Brüssel sagte Greta Thunberg ohne Umschweife: „Wir können nicht mehr warten, bis wir erwachsen sind und das Sagen haben.“ Es müsse etwas geschehen, und zwar jetzt. Jean-Claude Juncker, Präsident der EU-Kommission meinte daraufhin, es sei gut, dass sich junge Menschen für Veränderungen einsetzen. Er selbst habe das samstagnachmittags getan „und nicht während der Schulzeit“. Soll heißen: Protestieren geht in Ordnung, schulschwänzen geht gar nicht. Ein Argument, mit dem Politiker versuchen, die Bewegung zu diskreditieren.

Der Journalist Jasper von Altenbockum holte in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gleich den Stock heraus: Den Protestierenden sei der „Klimawandel nicht wichtiger als ein schulfreier Tag“. „Wir schwänzen nicht, wir streiken!“ antworten die Schüler*innen auf den Demos. Und sie haben recht. Auch Warnstreiks der Metaller*innen zur Durchsetzung von Lohnforderungen sind kein „Schwänzen“ oder „Blaumachen“, sondern legitime „Streiks“.

Die Kritik, ja der Hass, der Greta Thunberg und ihren Mitstreiter*innen insbesondere von rechten Klimaleugnern entgegenschlägt, nimmt mittlerweile bedenkliche Ausmaße an. Die Schüler*innen seien gedrillte Gören linker Eltern, höhnen die einen, Greta Marionette der Umweltlobby, urteilte beispielsweise das Schweizer Magazin Weltwoche.  Sie sprechen der schwedischen Schülerin ihre Eigenständigkeit ab und behaupten, das Mädchen werde fremdgesteuert. Es werden hohntriefende Facebook-Kommentare oder zornentbrannte Appelle an Jugendämter und Schuldirektoren verfasst.

Dass eine 16-Jährige ihren Kopf nicht nur zum Zöpfe tragen benutzt, das sprengt das Menschenbild dieser Kritiker. Selbst der CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak sah sich veranlasst, das junge Mädchen per Twitter anzugreifen. „Nur pure Ideologie. Arme Greta!“, kommentierte er, nachdem Thunberg den deutschen Kohlekompromiss als „absurd“ bezeichnet hatte. Sogar von Kindesmissbrauch durch die Eltern ist die Rede und von „hybrider Kriegsführung“. Es war die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die den Schülerprotest auf der Münchener Sicherheitskonferenz im Februar in die Nähe der russischen Propaganda rückte. (1)

Die Jugend in Deutschland galt lange als politisch desinteressiert. Forscher attestierten den jungen Menschen, dass für sie vor allem „der Spaß und der persönliche Erfolg“ zähle. Allerdings zeigte schon die letzte Shell-Jugendstudie 2015, dass Jugendliche heute anders ticken, als noch vor zehn oder fünfzehn Jahren. Das Interesse an Politik und insbesondere am Thema Umweltschutz steigt.

Ob eine neue Jugendbewegung im Entstehen ist, wie einige schon vorschnell kommentieren, ist noch offen, doch zum ersten Mal sei seit geraumer Zeit „so etwas wie Jugendproteste und das sogar transnational“ festzustellen, so der Leiter der Shell-Studie, Mathias Albert. Sie glauben nicht alles, was man ihnen erzählt; demonstrieren für ein besseres Klima und schaffen es, ihren Forderungen Gehör zu verschaffen – nicht nur auf der Straße, sondern auch auf der politischen Bühne. Es ist der erste Schritt auf dem Weg zum mündigen Bürger. 

Anmerkung
(1) Inzwischen stellte sich Angela Merkel in ihrem wöchentlichen Videopodcast hinter die Schülerdemonstrationen für mehr Klimaschutz. „Ich unterstütze sehr, dass Schülerinnen und Schüler für den Klimaschutz auf die Straße gehen und dafür kämpfen“, so die CDU-Politikerin. „Ich glaube, dass das eine sehr gute Initiative ist.“ Die Klimaschutzziele seien nur erreichbar, wenn es Rückhalt in der Gesellschaft gebe.

Foto: Greta Thunberg (vorne Mitte, mit heller Mütze) beim Schülerprotest in Hamburg – afp

 

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