„Dieser Betrieb ist besetzt“ – die Mönninghoff GmbH in Hattingen

„Dieser Betrieb ist besetzt“ – die Mönninghoff GmbH in Hattingen

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125 Jahre IG Metall – Teil 12

Die Mönninghoffer beschließen „ihren“ Betrieb zu besetzen - Foto: Manfred Vollmer

Im Januar 1984 stoppten die Banken die Kreditzahlungen. Dem Flanschenproduzenten Mönninghoff GmbH drohte, obwohl die Auftragsbücher voll waren, die Stilllegung, den 800 Beschäftigten in der Ruhrstadt Hattingen die Arbeitslosigkeit. Die Banken setzten knallhart auf die Wahrung ihrer ökonomischen Interessen, die Beschäftigten auf die Sicherung ihrer Existenz:

Sie besetzten „ihren“ Betrieb. „Als erstes ging es darum, zu verhindern, dass Lieferanten Material oder Maschinen aus dem Betrieb holten. Deren Lkw´s standen ja schon vor den Toren bis in die Stadt hinein“, so der Betriebsratsvorsitzende Gerd Grevel.

Während in den Werkshallen die Schmiedehämmer dröhnten, befestigten IG Metall-Vertrauenskörperleiter Karl-Heinz Flügge und seine Kollegen über der Werkseinfahrt das Transparent: „Dieser Betrieb ist besetzt!“ Es war das Signal: Wir sind noch da. Wir führen die Produktion trotz alledem weiter. „Arbeiter entwickeln neuen Stolz, neues Selbstbewusstsein und in den Familien verbreitet sich eine neue Erfahrung, wer oben und wer unten in diesem Staat ist“, schrieb Walter Jacobs in der Tageszeitung (28.2.1984))

10 Tage im Mai 1983

Acht Monate zuvor – im Mai 1983 – erreichten den Betriebsrat und die IG Metall Hattingen alarmierende Nachrichten. Die Bomin KG in Bochum, die ihren Profit vorwiegend mit dem Import-Monopol auf Öllieferungen aus der Sowjetunion machte, meldete Vergleich an. Kurz darauf froren die kreditgebenden Banken auch bei der 100-prozentigen Tochter, der Mönninghoff GmbH, die Kreditlinien ein. Damit war die Zahlung der April-Löhne gefährdet.

„Wir stehen vor der Alternative, entweder die ziehen uns das Fell über die Ohren oder wir kämpfen um unsere Arbeitsplätze mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln“, so der Tenor im IG Metall-Haus in der Großen Weilstrasse 8. Betriebsratsmitglieder, Vertrauensleute und die IG Metall stimmten überein: Wir müssen Druck auf die Banken und die Landespolitik machen.

Um zu verhindern, dass Lieferanten ihr Vormaterial wieder abtransportieren oder es mit einem Eigentumsvorbehalt kennzeichnen, wurden die Werkeingänge bewacht. Rund 1.500 KollegInnen der Henrichshütte, Orenstein & Koppel, Köppern, Hauhinco, Henlich demonstrierten mit den Mönninghoffern auf dem Untermarkt und forderten die Banken auf, den Kredithahn zu öffnen, um das Unternehmen und die Arbeitsplätze zu retten. 200 Schmiedewerker zogen in Düsseldorf vor die Staatskanzlei und forderten von Johannes Rau: „Sprechen sie ein Machtwort, Herr Ministerpräsident.“

Die IG Metall ergriff die Initiative: Durch Telefonate von Gewerkschaftssekretär Hartmut Schulz mit Wirtschaftsministers Reimut Jochimsen und den Banken unter Anwendung eines “kleinen Tricks“ – der WestLB wurde erklärt die BfG kommt, der BfG dass die WestLB kommt – kam ein erneutes Bankengespräch im Rathaus Hattingen zustande, an das sich ein tagelanges Pokerspiel der Banken auf dem Rücken der Belegschaft anschloss.

Der 17. Mai: Erneut legten die Mönninghoffer die Arbeit nieder. Im Rathaus tagten die Bankenvertreter. Währenddessen versammelten sich 6.000 Menschen vor dem alten Rathaus – ArbeitnehmerInnen aus Metall- und Stahlbetrieben, aus der Stadtverwaltung und BürgerInnen. „Unsere Kraft ist die Gewerkschaft“, intonierte die Oberhausener Liedermachern Fasia und der Betriebsratsvorsitzende fragte mit dem Dichter Bert Brecht „was ist ein Banküberfall gegen die Gründung einer Bank“ und stellte unter donnerndem Beifall fest: „Gegen den Bankenpoker der letzten Tagen, ist die kriminelle Handlung eines Bankräubers harmlos.“

„Wir standen dichtgedrängt auf dem Untermarkt als Hartmut Schulz ins Mikrofon schmetterte: Soeben erreicht uns die Nachricht: Mönninghoff ist gerettet. Den Jubelschrei aus sechstausend Kehlen werde ich nie vergessen“, so Vertrauensmann Winfried Köhler. Wildfremde Menschen fielen sich überglücklich in die Arme. Ihre Freude war jedoch verfrüht. In den folgenden Wochen trieben die Hausbanken mit den Betroffenen ein perverses „Katz- und Maus-Spiel“. Schließlich stellten sie die Auszahlung weiterer Kreditraten ein und lösten den vorläufigen Vergleich aus.

Das Aktionskomitee kontrolliert einfahrende LkWs Foto: IGM GH-Archiv
Das Aktionskomitee kontrolliert einfahrende LkWs Foto: IGM GH-Archiv


Das Hattinger Modell

Die Belegschaft griff zur Notwehr: Die KollegInnen besetzten den Betrieb und führten die Produktion in eigener Regie weiter. Aufträge waren reichlich da. Techniker, Verkäufer, Einkäufer und Arbeitsvorbereiter leiteten in diesen Tagen den Betrieb. Verkäufer fuhren zu Kunden und holten am Vergleichsverwalter vorbei Gelder ab, um Material einkaufen und Teile der Löhne auszahlen zu können. Ein Teil der Kollegen gewann die Erkenntnis: Produktion organisieren – das können wir doch auch selbst.

Ein Lehrstück für die Betroffenen – ein Drahtseilakt für die damaligen Hauptamtlichen Otto König und Hartmut Schulz in der IG Metall Verwaltungsstelle: Beides – Betriebsbesetzung und Betriebsfortführung – war zu diesem Zeitpunkt in der IG Metall umstritten. Doch hatte diese Belegschaft nur die „traditionelle“ Antwort der Abwicklung verdient? Nein. Um die Arbeitsplätze sichern zu können, mussten eigene Vorstellungen zu deren Erhalt entwickelt werden. Also wurde eine Gruppe von „alternativen Belegschaftsberatern“, um den ehemaligen Foto-Phorst-Geschäftsführer Wolfgang Diez, hinzugezogen.

Während der Betrieb rund um die Uhr bewacht wurde, schleppten Beschäftigte fertig gedrehte Flansche in die Schalterhallen der WestLB und BfG in Bochum nach dem Motto „Wir tauschen Flansch gegen Beteiligung an der Auffanggesellschaft“. „Wir Frauen demonstrierten mit Kindern vor der Düsseldorfer Zentrale der WestLB“, so Tina Flügge, eine der Sprecherinnen der Fraueninitiative Es waren diese phantasievollen Aktionen, die die Presse und Medien stets aufs Neue nach Hattingen zogen und über die Aktivitäten berichten ließ.

Die Solidarität aus der Bevölkerung überwältigend. Mit „Kind und Kegel“ strömten ArbeitnehmerInnen und BürgerInnen in den besetzten Betrieb. Wo sonst Maschinenlärm und das Donnern der Schmiedehämmer den Ton angaben, sang die neugegründete „Mönninghoff-Songgruppe“: „Wir wissen, dass der Kampf wird schwer, doch eine andere Antwort gibt’s nicht mehr und nur durch Solidarität aus unsrer Angst auch Mut entsteht.“ Es waren 3.000 auf dem ersten Solidaritätsfest, die den Kämpfenden Mut machten – darunter viele Kulturschaffende wie u.a. Mitglieder des Schauspielensembles der Ruhrfestspiele Recklinghausen, Richard Limpert und Eberhard Kirchhoff vom „Werkkreis Literatur der Arbeitswelt“, der Duisburger Liedermacher Frank Baier, der Liedermacher Dieter Süverkrüp und „Politclown“ Einhard Klucke.

Das Vergleichsverfahren ging in den Anschlusskonkurs über, der Konkursverwalter sprach kurzerhand die Entlassung fast der gesamten Belegschaft aus. Diese antwortete mit einer Verschärfung der Besetzung. Das zeigte Wirkung: Unter Vermittlung von Wirtschaftsminister Jochimsen wurde erreicht, dass 300 von 800 Beschäftigten, die Produktion befristet bis zum 30. Juni 1984 fortführen sollten. Da die Verkaufsaktivitäten des Konkursverwalters Schulz im Sande verliefen, drängte das Wirtschaftsministerium die IG Metall und die Belegschaftsberater das in Arbeit befindliche Konzept so schnell wie möglich vorzulegen. Fieberhaft erarbeiteten Beschäftigte, Betriebsratsmitglieder und Vertrauensleute gemeinsam mit den externen Beratern in Arbeitsgruppen ein Fortführungskonzept – das „Hattinger Modell“.

Anfang April zeigte der Rat der Stadt Hattingen Flagge. Die Stadtverordneten beschlossen, die Stadt werde sich mit einem finanziellen Beitrag von bis zu 2 Mio. DM zur Rettung der Arbeitsplätze beteiligen. Wolfgang Diez gelang es, mit den Banken ein Modell zur Finanzierung der Fortführungsgesellschaft auszuloten: Verkauf des Anlagevermögens an einen gemeinnützigen Belegschaftsverein, Verzicht auf Forderungen, BfG und WestLB erklären ihre Bereitschaft, die Hausbankfunktion zu übernehmen, wenn das Land NRW einen Betriebsmittelkredit in Höhe von 9 Mio. DM zu 100 Prozent verbürgen würde.

35 Gründungsmitgliedern hoben im IG Metall-Haus in Hattingen den gemeinnützigen Verein „Bildung für Arbeitnehmer in Hattingen“, der neben der Weiterführung der Produktion die Trägerschaft über eine Berufsbildungsstätte auf dem Werksgelände übernehmen sollte, aus der Taufe. Wenige Tage später konnte das 500. Mitglied begrüßt werden. Schließlich konnte der Betriebsrat am 17. April 1984 das 43 Seiten umfassende „1. Planungskonzept für die Hattinger Schmiede- und Presswerke GmbH als Betriebsübernahmegesellschaft des Betriebes der Mönninghoff GmbH i. K.“ an die Banken, die Stadt Hattingen und das Wirtschaftsministerium in Düsseldorf versenden. Damit sollten 440 Arbeitsplätze gerettet und 250 Plätze in der Berufsförderungsstätte eingerichtet werden.

„Das grüne Band der Sympathie“ erdrosselt Mönninghoff-Beschäftigte

 Der Versuch, der sich anbahnenden arbeitsmarktpolitischen Katastrophe in der Hattinger Region eine beschäftigungs- und regionalpolitische Alternative entgegenzusetzen, scheiterte jedoch an der Angst der Vertreter des Finanzkapitals und der Politiker vor der Beispielwirkung eines von Arbeitnehmern übernommenen Betriebes. Beim Spitzengespräch aller Beteiligten im Wirtschaftsministerium am 8. Mai 1984 scherte die Dresdner Bank aus und erklärte „wir können unser Angebot vom 4. Mai 1984 nicht aufrechterhalten“ Jochimsen sagte in die Stille des Raumes hinein: „Das ist das k.o. für Mönninghoff.“ Hartmut Schulz schon erbost hinterher: „Das grüne Band der Sympathie erdrosselt die Mönninghoff-Belegschaft.“

Ende Juni 1984 wurde die Produktion in der Nähe des Hattinger Bahnhofs endgültig eingestellt. „Wir Mönninghoffer haben unseren Kampf ohne Illusionen, aber mit Hoffnungen begonnen. Wir haben zwar diesen Kampf verloren, aber wir verlassen mit erhobenem Haupt den Betrieb und mit dem Bewusstsein, dass unser Kampf ein Vorbild für die Arbeitnehmer in der Bundesrepublik ist, die um ihre Arbeitsplätze kämpfen“, hieß es in der letzten Erklärung der Mönninghoff-Belegschaft.

Der Text stützt sich u.a. auf folgende Quellen:

Geschäftsberichte der IG Metall Verwaltungsstelle Hattingen 1981-83 und 1984-86

Otto König, Adi Ostertag, Hartmut Schulz (Hrsg.) „Unser Beispiel könnte ja Schule machen““-

Das Hattinger Modell – Existenzkampf an der Ruhr, Bund-Verlag Köln 1985

Foto 1: Die Mönninghoffer beschließen „ihren“ Betrieb zu besetzen – Foto: Manfred Vollmer

Foto 2: Das Aktionskomitee kontrolliert einfahrende LKWs Foto: IGM GH-Archiv

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