Der Stahlarbeiter mit dem „silbernen Mantel“

Der Stahlarbeiter mit dem „silbernen Mantel“

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Wir gedenken: August Kuhnert

August Kuhnert, unser langjähriger IG Metall-Kollege, der 30 Jahre im Hochofenbetrieb der Henrichshütte malocht hat, ist Ende des vergangenen Jahres im Alter von 83 Jahren verstorben. Drei Tage bevor sich der Tag zum dreißigsten Mal gejährt hat, an dem die letzten Gase „seines“ Hochofen III verpufften und damit die 132jährige Geschichte der Henrichshütte im Hattinger Ruhrtal zu Ende ging.

Es war die Wut und der Zorn über den kaltschnäuzigen Stilllegungsbeschluss des Thyssen-Vorstandes, die ihn – der in seinem Leben nie in der ersten Reihe stehen wollte – dazu veranlassten sich in der Betriebsversammlung auf einen Stuhl zu stellen, um sich „den Frust von der Seele“ zu pfeifen. Gemeinsam mit seinen KollegInnen nahm er den Kampf gegen die angekündigten Massenentlassungen und für den Erhalt der Arbeitsplätze auf

Von März 1987 bis Februar 1988 ging der IG Metaller August Kuhnert bei Demonstrationen in der Schutzkleidung der Hochöfner in der ersten Reihe vorne weg oder stand bei Ansprachen neben dem ehemaligen IG Metall-Vorsitzenden Franz Steinkühler, Bundesarbeitsminister Norbert Blüm und Pfarrer Klaus Sombrowsky. Protestierte schweigend in der Düsseldorfer Berger Kirche als Thyssen-Vorstands-Chef Heinz Kriwet von der Kanzel die „Silllegung von Hattingen“ verteidigte. In seinem silbernen Mantel, dem Helm mit Hitzeschild und der brennenden Fackel in der Hand wurde August ein „Symbol des Hattinger Widerstands“.

August Kuhnert, der am 14. November 1934 in der Nähe von Hitzacker im niedersächsischen Landkreis Lüchow-Dannenberg geboren wurde, wuchs mit seinen fünf Geschwistern auf dem Bauernhof, den sein Vater gepachtet hatte, auf. Sein Wunsch nach dem Schulabschluss 1948 eine Lehre als Elektriker zu beginnen, zerschlag sich da es keine Lehrstelle für ihn gab. So war es in den 50er-Jahren zuerst auf dem väterlichen Bauernhof und dann als Schlepperfahrer tätig. Im Frühjahr 1957 schwang sich der 22-Jährige auf sein 125er-NSU-Motorrad und fuhr ins Ruhrgebiet – ins Revier von Kohle und Stahl. Hier nahm er am 7. Mai 1957 im Hochofenbetrieb der Hütte in der Ruhrstadt Hattingen, die seine neue Heimat werden sollte, die Arbeit auf. Zwei Jahre später wurde August Mitglied der IG Metall.

Konti-Schicht, Arbeit an Wochenenden und Feiertagen sollten fortan seinen Lebensrhythmus und den seiner Frau Renate bestimmen. Sohn Ralf kam 1965 in Welper auf die Welt. Die schwere Maloche ging an die körperliche Substanz, auf die Knochen, sagte August einmal. In seiner knapp bemessenen Freizeit war er mit seinem Kleinwagen im ehrenamtlichen „kameradschaftlichen Dienst des ADAC“ im Dreieck Hattingen, Hammertal und Sprockhövel unterwegs und half liegen gebliebenen PKW-Fahrern.

Es war im Frühjahr 1987, als sich das Leben von August Kuhnert und seiner Familie schlagartig änderte. Der gewerkschaftliche Kampf um den Erhalt der Hütte bestimmte von nun an ihren Tagesablauf. Zuhause im Wohnzimmer beschriftete und bemalte August auf dem Tapeziertisch große Stofftücher. In seinem Wohnzimmer drehte Petra Lidschreiber für den ARD-Film „Hattingen – eine Stadt will leben“. August trieb um, dass sein Sohn Ralf seine Ausbildungsstelle als Elektriker verlieren könnte, denn auch die Schließung der Ausbildungswerkstatt stand drohend im Raum.

„Der Arbeitskampf, der Kontakt zu meinen deutschen und ausländischen Kollegen, die Zusammenarbeit mit Künstlern wie Egon Stratmann, das wachsende Vertrauen in meine Gewerkschaft und ihre örtliche Hauptamtlichen, ohne deren Unterstützung wir diese Auseinandersetzung nicht durchgehalten hätten – das war nun meine Sache“, fasste August seine Erfahrungen für einen Bericht auf dieser Website stolz zusammen: „Wir sind selbstständiger geworden.“

Nach dem letzten Abstich am Hochofen 3 im Dezember 1987 war er noch für zwei Jahre in der Schlackenverwertung und im Fallwerk beschäftigt, bevor er mit 55 Jahren über den Sozialplan ausscheiden konnte. August Kuhnert sagte zu, als der Leiter des LWL-Industriemuseums Henrichshütte, Robert Laube, bei ihm anfragte, ob er in „seiner“ Hochofen-Anlage Führungen übernehmen könnte. Mit seinen Kenntnissen über den Hochofenbetrieb trug er wesentlich zum Aufbau des Museums mit bei.

Die IG Metall Gevelsberg-Hattingen betrauert den Tod des traditionsbewussten Hochöfners und engagierten IG Metaller. „Wir haben einen aktiven Gewerkschafter verloren“, so Clarissa Bader, Erste Bevollmächtigte der IG Metall Gevelsberg-Hattingen, der geprägt durch die schwere Arbeit auf der Hütte und den gewerkschaftlichen Kampf wusste, auf welcher Seite er stehen muss. August Kuhnert und seine KollegInnen gaben dem Widerstand im Revier ein lebendiges Gesicht.

August Kuhnert (r) mit Marga Wende auf der DGB-Kundgebung „Arbeit für alle“ am 20. Februar 1988 in Hattingen – Foto: IGM GH-Archiv

 

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