„Zentnerschwere Steine“ fielen zu Boden

„Zentnerschwere Steine“ fielen zu Boden

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Heute vor dreißig Jahren: „Bonner-Regelung“

Als die Nachricht über die „Bonner Entscheidung“ in Hattingen die Runde machte, fielen vielen StahlarbeiterInnen und BürgerInnen „zentnerschwere Steine vom Herzen“. Es war am 2. Oktober 1987 – im fünften Stahlgespräch– als sich im Bundeskanzleramt in Bonn Vertreter der Bundesregierung, der Stahlindustrie und der IG Metall, auf Basis der „Frankfurter Vereinbarung“ vom Juni, sich auf 600 Millionen Mark öffentliche Hilfen (Bund, Länder und EG-Mittel) verständigten, um Massenentlassungen in der Stahlindustrie abzuwenden.

Allerdings war mit dieser Vereinbarung der Abbau von 35.000 Arbeitsplätzen – fast jeder sechste Arbeitsplatz in der Stahlindustrie – verbunden, die im September 1987 noch 192.000 Beschäftigte zählte. Die Betroffenen sollten „nicht ins soziale Aus“ fallen: Die Konzerne verpflichteten sich bis Ende 1989 keine „betriebsbedingten Kündigungen“ auszusprechen. Mit Frühpensionierungen über Sozialpläne, konzerninternen Ver- und Umsetzungen, „freiwilliges“ Ausscheiden mit Abfindungen und der Schaffung neuer Arbeitsplätze sollten die personellen Probleme gelöst werden.

Die im Februar vom Thyssen-Vorstand angedrohten Massenentlassungen für rund 2.200 Hattinger Beschäftigte waren damit endgültig vom Tisch. Damit hatten die Hüttenarbeiter mit ihrer Hattinger IG Metall nach dem Beschluss über das „Aus“ im Juni ein wichtiges Kampfziel erreicht. Hans-Ulrich Jörges schrieb in der Süddeutschen Zeitung: „Niemand hat mehr getan für diesen „Stahlpakt“ als die Hattinger: Neun Monate haben die Arbeiter der Henrichshütte mit einer in der Geschichte der Bundesrepublik einmaligen Protestbewegung gegen das drohende Verhängnis angekämpft.“ (7.10.1987)

Jetzt Ersatzarbeitsplätze schaffen“

Als die 4.000 Beschäftigten der Hütte am 5. Oktober zur Belegschaftsversammlung in die Tennishalle des TC Ludwigstal strömten, gab es keinen überschäumenden Jubel. Natürlich waren die Hüttenarbeiter stolz auf das was sie vollbracht hatten, sie wussten aber, der Kampf ist noch nicht zu Ende. Das weitere Ziel prangte auf einem roten Transparent hinter dem Podium: „Jetzt Ersatzarbeitsplätze schaffen“.

Mit donnerndem Applaus unterstrichen die Malocher die Worte des Betriebsratsvorsitzenden Rolf Bäcker, „wir wollen nicht nur Frühpensionierung mit 55 und Versetzungen nach Duisburg, Krefeld und Witten. Wir brauchen Arbeitsplätze hier in Hattingen. Wenn nicht für uns, dann wenigstens für die uns nachfolgenden Generationen.“ Jetzt sei die Gründung einer Beschäftigungsgesellschaft notwendig, nahm der IG Metall-Bevollmächtigte den Faden auf. Die „Bonner-Regelung“ sei ein wichtiger Teilerfolg, doch Thyssen müsse der Hauptadressat für die Forderung nach neuer Produktion bleiben.

In der Oktober-Ausgabe „Stahl-extra“ des Düsseldorfer Stahlbüros wurde die Bonner-Verständigung als „Sieg der Vernunft“ gefeiert. In einem Schreiben des IG Metall-Vorstandes an alle Verwaltungsstellen hieß es: „Damit haben wir nun den Rücken frei, uns auf das zu konzentrieren, worauf es uns allen ankommen muss: Schaffung von neuen Arbeitsplätzen. In der oben erwähnten Vereinbarung (Frankfurter Vereinbarung – d. Verf.) haben die Unternehmen diese Priorität anerkannt. Wir werden uns in nächster Zeit intensiv mit dem Thema beschäftigen müssen“.

Der IG Metall-Vorsitzende Franz Steinkühler legte nach und verlangte, in allen Stahlunternehmen Expertenkommissionen einzusetzen, die Vorschläge für die Erweiterung der Produktion erarbeiten sollen. Notwendig seien paritätisch besetzte Investitionsausschüsse und Arbeitsgruppen für neue Beschäftigung und Qualifikationen. Die Arbeitsdirektoren forderte er auf, Druck auf die Unternehmensvorstände zu machen, „wir erwarten von ihnen, dass sie sich in besonders rabiater Weise für Ersatzarbeitsplätze einsetzen“.

Doch genau dies geschah nicht. Wider besseren Wissen´s stellte Thyssen-Stahl-Chef Heinz Kriwet zynisch fest, für die Beschäftigungsgesellschaft fehle ein praktikables Modell. Er unterschlug, dass Konzernvertreter konkrete Vorschläge des Betriebsrates und der IG Metall Hattingen für eine „Beschäftigungsinitiative“ Wochen zuvor bewusst gegen die Wand gefahren haben. Damit gerieten die Ansätze für Beschäftigungspolitik mit Ausnahme von Hattingen bis zum Konflikt um die Stilllegung des Stahlwerks in Rheinhausen durch die Krupp AG wieder in den Hintergrund.

 

Diskussion über „Beschäftigungsgesellschaften“ im Bildungszentrum Sprockhövel – November 1987

 

„Es wäre tödlich in den alten Trott der Sozialplanpolitik zurück zufallen“

Die Hattinger machten erneut einen Vorstoß und luden Mitte November zu einer Tagung „Beschäftigungsgesellschaften als ein Mittel zur Schaffung von Ersatzarbeitsplätzen“ ein. Über 150 Betriebsratsmitglieder, Vertrauensleute, Ratsmitglieder, Vertreter des Bürgerkomitees und Vertrauenskörperleiter aus anderen Stahlstandorten, Abgesandte aus Abteilungen der Vorstandsverwaltung berieten im IG Metall Bildungszentrum Sprockhövel welche vorhandenen Produktionen weiterentwickelt, welche umgestellt und welche Felder neu aufgebaut werden können.

Heinz Bierbaum und Nikolaus Schmidt aus der IG Metall-Wirtschaftsabteilung arbeiteten die Ziele heraus: Ausbau bestehender Produktlinien innerhalb des jeweiligen Konzerns; Aufbau neuer Produktlinien; Durchführung beschäftigungsrelevanter Projekte von gesellschaftlichem Interesse; Beratung von anderen regionsansässigen Unternehmen im Hinblick auf Beschäftigungs- und Produkterweiterung bzw. Erschließung neuer Tätigkeitsfelder und Aufbau neuer Unternehmen.

Gerhard Richter vom IMU-Institut München und Klaus Kost von GEWOS nahmen zur Strukturpolitik in den Stahlregionen Stellung. Sie plädierten für die Verknüpfung der konzeptionellen Arbeit auf der betrieblichen Ebene mit einer regionalen, arbeitsorientierten Beschäftigungs- und Strukturpolitik. Abschließend, ohne zu wissen, dass am nächsten Tag der 160 Tage andauernde Kampf in Rheinhausen beginnen sollte, sagte der Hattinger IG Metall Bevollmächtigte „es wäre absolut falsch und tödlich für die Stahlreviere, wenn jetzt wieder Ruhe einkehren und wir wieder zurück fallen würden in den Trott der Sozialplanpolitik“.

Stahlarbeiter verhinderten den „Bankrott ihrer Heimat“

Schon Anfang Oktober wurde dem „Wirtschaftsbeirat“ in Hattingen unter Vorsitz von Bürgermeister Günter Wüllner ein örtliches „10-Punkte Aktionsprogramm“ auf Basis des Landesprogrammes „Zukunftsinitiative Montanregionen“ (ZIM) mit den gesellschaftlichen Akteuren – Arbeitgebern, der IG Metall, dem Betriebsrat und Vorstand der Henrichshütte sowie dem Bürgerkomitee – erörtert. Neben den bisherigen Standbeinen „Industrie- und Gewerbestandort, Wohnstadt, historische Altstadt, Einkaufszentrum, Freizeit- und Naherholungsschwerpunkt“ sollte der Schwerpunkt „Umwelt“ ein neues Standbein werden.

Darüber hinaus wurden Maßnahmen vorgeschlagen wie „Erwerb, Aufbereitung und Erschließung von Industrie- und Gewerbeflächen“, „Sicherung der Ausbildung und Weiterbildung in der Lehrwerkstatt der Henrichshütte“, „Einrichtung eines technischen Bildungswerkes für Frauen“, „Bau des Abwasserstollens Ludwigstal“. Der Strukturwandel in Hattingen wurde in den kommenden Jahren durch finanzielle Mittel aus dem ZIM-Sonderprogramm und durch EG-finanzierte Förderprogramme unterstützt

Dieter Liebig, 1996 zum ersten hauptamtlichen Bürgermeister in Hattingen gewählt, bilanzierte in „Das Ende der Stahlzeit“, „insgesamt dürften in den vergangenen zehn Jahren Fördermittel in Höhe von 250 Millionen DM nach Hattingen geflossen sein. Besonders hervorzuheben sind die Investitionen für die Erschließung neuer Gewerbe- und Wohngebiete in Holthausen und die Gelder, die für den Erwerb, die Aufbereitung und Erschließung des freigewordenen Geländes der Henrichshütte bereitgestellt wurden.“ Die von den Stahlarbeitern erstrittene erhöhte Förderquote für Investitionen führte zu ersten Um- und Neuansiedlungen im „Gewerbe- und Landschaftspark Henrichshütte“ – dazu gehörten u.a. die Firmen Turbon, Quante und Köppern.

Richtig ist: Mit ihrem zwölfmonatigen Kampf konnten die Hattinger Stahlarbeiter gemeinsam mit ihrer IG Metall unterstützt vom Bürgerkomitee die Stilllegung der Henrichshütte nicht verhindern. Doch sie erzwangen mit ihren Aktionen und öffentlichem Druck „Stahlgespräche“ im Bundeskanzleramt in Bonn, die „Frankfurter Vereinbarung“ und nicht zuletzt das Programm der NRW-Landesregierung „Zukunftsinitiative Montanregionen“.

All dies waren Voraussetzungen, damit die „Massenentlassungen“ vom Tisch gefegt und der „Strukturwandel“ in der ehemaligen Stahlstadt an der Ruhr eingeleitet und zum Teil bewältigt werden konnte. Damit trat nicht ein, was der Titel eines Berichtes in der Zeitschrift GEO im Frühjahr 1988 suggerierte: „Eine Heimat geht bankrott!“

„Kein Jubel, eher Skepsis aber auch Stolz“, so die Stimmung in der  Belegschaftsversammlung im Oktober 1987 – alle Fotos: IGM GH-Archiv