„Wir rüttelten die Kollegen, ja die ganze Stadt wach“

„Wir rüttelten die Kollegen, ja die ganze Stadt wach“

Heinz Kalinowski, ehemaliger Vertrauenskörper-Leiter des Stahlwerks auf der Hütte

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18. März 1987: Vor der Henrichshütte war kein Durchkommen mehr. Tausende ArbeitnehmerInnen aus verschiedensten Branchen der umliegenden Nachbarstädte, darunter alleine 1.000 Hoeschianer aus Dortmund, aus den Stahlstädten im Saarland und Niedersachsen sowie den Werftstandorten an der Küste und BürgerInnen aus der Region strömten zur Hütte. Regen und Schnee hielten sie nicht als. Als die Kirchenglocken anfingen zu läuten, setzte sich die machtvollste Demonstration in der Hattinger Stadtgeschichte in Bewegung. Mittendrin der Stahlwerker Heinz Kalinowski. Heinz und seine Kollegen waren nicht bereit, den von Thyssen geplanten Kahlschlag „kampflos hinzunehmen“.

In der Ruhrstadt für Stunden nichts mehr: Die Geschäfte waren geschlossen. Der Linienverkehr der BoGeStra kam zum Erliegen. Kinder, Mütter, Schüler, Lehrer, Arzte, Krankenpfleger, Einzelhändler und ihre Beschäftigten, Schornsteinfeger und Pfarrer drängten sich auf dem Rathausplatz zusammen. „Hattingen“, rief ihnen das IGM-Vorstandsmitglied Hans Preiss zu, „der Name dieser Stadt soll verbunden sein mit der Schaffung eines Bündnisses all jener, die sich gemeinsam gegen die Kahlschlagpolitik der Stahlkonzerne wehren“. Der ehemalige IG Metall-Vertrauensmann erinnert sich: „30.000 Menschen unterstützten an diesem Tag unseren Kampf“. Diese Solidarität habe wesentlich dazu beigetragen, dass sie die monatelangen Auseinandersetzungen durchgestanden hätten.

Heinz Kalinowski wurde 1939 in Hattingen südlich der Ruhr geboren. Nach Kriegsende wurde er in einer gerade für Kinder aus Arbeiterfamilien schwierigen Zeit in der Weiltor-Schule eingeschult. Seine bevorzugten sportlichen Aktivitäten in den Jugendjahren waren Schwimmen, auch beim Boxen versuchte er sich und natürlich Fußball spielen, was er bei der SG Holthausen bis zur der B-Jugend tat.

Nach dem Abgang von der Schule stand in der Familie fest: Du gehst zur Hütte, das ist der sicherste Betrieb am Ort, da geht man hin.  Also begann Heinz am 1. April 1954 eine Ausbildung als Schlosser in der Lehrwerkstatt auf der Henrichshütte. Er trat in die Fußstapfen seines Großvaters und seines Vaters. Auch sein Bruder und später sein Sohn und seine Tochter fanden hier ihren Arbeitsplatz. Mit Beginn der Ausbildung wurde er Mitglied der IG Metall, wurde in der Gewerkschaftsjugend aktiv und fuhr auf vielen Fahrten mit.

Nach dem erfolgreichen Abschluss seiner Ausbildung arbeitete er zunächst als Schlosser und dann für kurze Zeit als Lokführer im Bereich der Kokerei. Hier erlebte Heinz Kalinowski 1960 zum ersten Mal, wie es ist, wenn ein Betrieb dicht macht. Denn die Kokerei auf dem Werksgelände wurde stillgelegt. Doch zu diesem Zeitpunkt gab es auf die Hütte noch genug Arbeitsplätze. Heinz wechselte ins Stahlwerk und wurde Kranführer. „Wir transportierten Pfannen mit 250 Tonnen Flüssigstahl, und darunter arbeiteten die Kollegen, das war gefährlich und verantwortungsvoll“, schildert er seine damalige Arbeit. Und das auch an drei Samstagen und drei Sonntagen im Monat. Da der Lohn nicht gerade „berauschend“ war, wurden die Zusatzschichten mitgenommen. „Man ist ja praktisch mehr auffem Werk gewesen wie zu Hause“.

Später übernahm Heinz Kalinowski, den die Kollegen inzwischen zu ihrem Vertrauensmann der IG Metall gewählt hatten, die Funktion des Schichtführers, jetzt war er für die Mannschaft, für die Einteilung ihrer Arbeit zuständig. Nahm an den Seminaren der IG Metall teil, erwarb sich so Kenntnisse, um seine Kollegen vertreten zu können. Denn auch „wenn wir in einem montan-mitbestimmten Betrieb arbeiteten“, war es aufgrund der „Knochenarbeit“ wichtig, „dass wir uns gemeinsam für bessere Arbeitsbedingungen und Entlohnung engagierten“.

Im Herbst 1986 bestätigte sich das Gerücht, dass die Hochöfen nicht mehr zugestellt werden, „da ahnten wir, dass auf uns etwas zukommt“, sagt Heinz. Doch dass Thyssen den Standort platt machen würde, daran hätten sie doch nicht gedacht. Nach dem „Schwarzen Donnerstag“, dem Tag der Verkündung der Stilllegung verkündet, gehörte der Gewerkschafter zu denjenigen, die die Kollegen wachrüttelten, auch diejenigen, die immer sagten, „ach was da geredet wird – man solle das nicht so schwarz sehen“.

Und sie seien aufgewacht – schließlich habe die ganze Stadt für die Sicherung ihrer Arbeitsplätze demonstriert. „Das Bild der 30.000 Menschen am Rathaus Hattingen werde ich nicht vergessen“. Das gelte aber auch für die Menschenkette, die vielen Demonstrationen wie vor dem Bundeskanzleramt in Bonn und für das „Dorf des Widerstandes“, das trotz der Drohungen des Hüttenvorstandes auf dem Hüttengelände aufgebaut wurde.

Foto: Der Stahlwerker Heinz Kalinowski (Bildmitte) bei der Grundsteinlegung 1992 Foto: Manfred Vollmer

Nein, die Stilllegung hätten sie nicht verhindern können, doch durch ihren öffentlichen Druck wären die geplanten Massenentlassungen vom Tisch gekommen, meint Heinz Kalinowski, der in die VSG wechselte, das Gemeinschaftswerk das die Stahlkonzerne Krupp-Klöckner und Thyssen Anfang 1988 auf dem Hüttengelände gegründeten. Hier wählten ihn die KollegInnen in den Betriebsrat. Vier Jahre später mussten sie wieder kämpfen. Die Gesellschafter trugen ihren „Gutachter-Krieg“ auf „unserem Rücken aus“. Der IG Metaller schildert wie sie 1992 den „Grundstein“ für ein neues UHP-Stahlwerk gelegt haben. Doch die Geschäftsführung setzte die Zerschlagung der VSG fort. Am 27. Mai 1993 wurde die letzte Stahlschmelze abgegossen.

Heinz Kalinowski schied wie viele seiner Kollegen über den Sozialplan aus. Doch er blieb nicht untätig zu Hause sitzen. Mit sieben ehemaligen Betriebsratsmitgliedern gründeten sie in der Gaststätte Osteck „Die Ideenschmiede“, die in 2018 ihr 25-jähriges Jubiläum feiern kann. Treibende Kräfte seien u.a. der stellv. Bürgermeister Erich Frank und der ehemalige Betriebsratsvorsitzende Rolf Bäcker gewesen. Ein Verein wurde gegründet, der noch heute über 400 Mitglieder hat. Die VSG überließ ihnen Räume in der ehemaligen Sattlerei, „später konnten wir das Grundstück und die Hallen kaufen, in der wir eine Metallwerkstatt und eine Schreinerei eingerichtet haben“, erzählt Heinz, der heute im erweiterten Vorstand mitarbeitet.

Ob sich, denn der Kampf gelohnt habe, will ich abschließend von ihm wissen. Sein Blick verrät schon alles, bevor er sagt: „Schau dir den heutigen Gewerbepark auf dem ehemaligen Hüttengelände an, das alles wäre nicht entstanden, wenn wir nicht mit unserer IG Metall gekämpft hätten“.

Fotos: IGM G-H