„Menschenkette“: 5.000 Hand in Hand

„Menschenkette“: 5.000 Hand in Hand

Peter Hoven - ehemaliger Stahlarbeiter auf der Henrichshütte

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23. April 1987 – um zehn vor eins schallt ein langgezogener Sirenenton durch Hattingen. Es ist das ersehnte Signal: Die Menschenkette um die Henrichshütte ist geschlossen. Über 5.000 Menschen hielten sich zehn Minuten an den Händen – Polizeibeamte, Hausfrauen, Senioren, Beschäftigte der Stadtverwaltung, Schüler und ihre Lehrer, Kinder und ihre Eltern, Beschäftigte aus den Metallbetrieben und Einzelhändler, sowie die Hüttenarbeiter. Die Stahlwerker bildeten vor dem Haupteingang der Hütte einen besonders ins Auge springenden Punkt der Kette: Jeder von ihnen trug einen Buchstaben. Zusammengefügt ergab sich die Losung: „Wir schützen unsere Arbeitsplätze“.

23. April 2017: In Erinnerung an diese Aktion vor 30 Jahren präsentiert das LWL Museum Hütte in Hattingen Arbeiterportraits der Solinger Fotografin Astrid Kirschey am Zaun rund um den Hochofen 3. Einer der hundert Porträtierten ist der ehemalige Stahlarbeiter Peter Hoven. Er erinnert sich: „Ich saß damals auf dem Sozius eines Motorrads. Wir fuhren die 4,6 Kilometer lange Strecke von der Ruhrbrücke zur Kosterbrücke ab und trugen dazu bei, dass sich Menschentrauben auflösten, Menschen aufrückten und die Lücken schlossen“.

Peter Hoven wurde 1934 in Hattingen geboren. Ab 1941 besuchte er die Holschentor Schule. An seinen Lehrer, einen „Nazi-Kopp“, hat er keine guten Erinnerungen, „der schlug bei jeder Gelegenheit den Schülern mit einem Stock auf die Fingerspitzen“, sagt Peter. Seine Kindheit wurde durch die Ereignisse des von den Hitler-Faschisten ausgelösten Zweiten Weltkrieges geprägt. Während Peter mit seinen Eltern im März 1945 im Luftschutzbunker an der Friedrichstrasse ausharrte, wurde nicht weit davon der Norden der Innenstadt und das Krämersdorf durch ein Bombenteppich zu 90 Prozent zerstört. Das Angriffsziel der alliierten Bomber war eigentlich der Rüstungsbetrieb Henrichshütte gewesen.

Der jugendliche Hoven war in seiner Freizeit beim Schwimmen und Tischtennis spielen aktiv. Bei letzterem wurde er 2. Stadtmeister in der Ruhrstadt. Nach dem Schulabschluss begann Peter bei der Firma Schack eine dreijährige Schreiner-Lehre. Sein Vater, der selbst in der Radsatzfertigung der BW 3 arbeitete, hatte entschieden: „Du kommst mir nicht auf die Hütte“. Eine in Hattinger Familien damals unübliche Entscheidung, denn meist waren oder gingen mehrere Generationen auf „unsere Hütte“.

Schließlich setzte auch Peter Hoven diese Tradition fort. Nach mehreren Stationen –  zunächst bei Schack, dann bei Leo Gottwald und als Beschäftigter einer Fremdfirma auf dem Hüttengelände – nahm er 1964 eine feste Tätigkeit im Hüttenwerk auf und wurde Mitglied der IG Metall. Vor drei Jahren konnte das langjährige IG Metall-Mitglied sein 50jähriges Jubiläum in der Gewerkschaft feiern. Es wären ein paar Jährchen mehr, wenn das damals zuständige Betriebsratsmitglied seine Mitgliedschaft der IG Bau umgeschrieben und ihn nicht neu aufgenommen hätte. Er war nicht der Einzige, dem das bei der früheren Betriebskassierung passiert ist.

Der Gewerkschafter arbeitete zunächst im Fallwerk, dann als Flämmer im Walzwerk und  schließlich als Maschinenflämmer, in der Versuchsanstalt und  ESU-Anlage des Stahlwerks. Die Kollegen wählten ihn zum Vertrauensmann. „Natürlich erweiterte ich mein Wissen auf den Seminaren der IG Metall“, betont Peter, der später die Leitung des Vertrauenskörpers im Stahlwerk übernahm.

 

Peter Hoven (2.v.l.) demonstriert mit seinen Kollegen in Bonn

Der Kampf um den Erhalt der Arbeitsplätze am Stahlstandort Hattingen sei schon 1983 losgegangen, meint er. Nach dem im Januar die sogenannten „Moderatoren“ ihr Vorschläge zur Neuordnung der Stahlindustrie veröffentlicht haben, hätte bei ihnen  – den Leitern der IG Metall-Vertrauenskörper auf der Hütte – eine ernsthafte Diskussion über die Auswirkungen auf die Stahlstandorte begonnen. Experten, eingesetzt vom Thyssen-Vorstand, untersuchten die Wirtschaftlichkeit der beiden Hattinger Grobblechstrassen. „Acht Monate später zogen wir mit  12.000 Menschen den Hüttenberg hoch und protestierten gegen die Stilllegung der 2,8-Meter-Grobblechstrasse“, berichtet Peter Hoven: „Wir befürchteten, dass dies der Einstieg in weitere Stilllegungsmaßnahmen ist.“

Die Befürchtungen sollten sich bestätigen. Es dauerte keine vier Jahre, bis im Frühjahr 1987 der Thyssen-Vorstand in Duisburg die Stilllegung des hüttenmännischen Teils der Henrichshütte verkündete. „Wir nahmen unterstützt von den Hauptamtlichen unserer IG Metall in Hattingen den Kampf um den Erhalt des Stahlstandorts wieder auf“, sagt Peter, der in den Wochen danach im silbernen Schutzanzug der Stahlwerker vor vielen Demonstrationen her lief: „Wir demonstrierten vor dem Bundeskanzleramt in Bonn, das war noch zu Helmut Kohl-Zeiten“, in Düsseldorf vor dem Thyssen-Hochhaus und dem Landtag und viele Male in Hattingen – zuerst für den Erhalt der Arbeitsplätze und dann für die Schaffung von Ersatzarbeitsplätzen.“ „Unser Kampf war notwendig. Hätten wir uns nicht gewehrt, wäre es zu den angekündigten Massenentlassungen gekommen“, ist Peter noch heute überzeugt.

Er schied wie viele seiner KollegInnen über den Sozialplan aus. Hatte endlich mehr Zeit für die Familie – Tochter und Frau, sein „Goldstück“, wie er seine leider zu früh verstorbene Ehefrau Hannelore liebevoll nennt, für die er vor Jahrzehnten den langen Weg von Hattingen bis Langenberg zu Fuß auf sich genommen hatte. Ja, lesen schon, das muss sein aber nichts tun, nur im Sessel sitzen, kommt für ihn nicht in Frage, also ist er noch in der Delegiertenversammlung, im Arbeitskreis Senioren und im Behindertenforum der Stadt Hattingen aktiv.

Foto: Peter Hoven vor seinem Portrait am Hüttenzaun in Hattingen – Foto: IGM-GH

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