„Hartnäckigkeit zahlte sich aus“

„Hartnäckigkeit zahlte sich aus“

Klaus Gertzen, Betriebsratsvorsitzender der GHV Gesenkschmiede

Zwei Insolvenzen und einen mehrfachen Wechsel der Eigentümer prägen die über hundertjährige Historie der GHV Gesenkschmiede. Immer wieder kamen neue Geschäftsführer unterhalb der Hasper Talsperre an´s Ruder. Ihre Einsatzzeit war meist nur von kurzer Dauer. Allesamt verkündeten sie in Betriebsversammlungen ehrgeizige Unternehmensziele, deren Umsetzung dann auf sich warten ließen. „Dass dennoch Qualitätsprodukte geschmiedet und verkauft werden können, ist letztlich den Werkern zu verdanken“, so der Betriebsratsvorsitzende Klaus Gertzen. Der Gewerkschafter und seine KollegInnen mussten vor kurzem erneut einen Wechsel des Anteileigners erleben: Die Georg Group im rheinlandpfälzischen Willroth übernahm im Juni dieses Jahres die GHV Gesenkschmiede in Ennepetal.

Klaus Gertzen wurde 1972 im Hasperbachtal geboren. Hier verbrachte er seine Kindheit und Jugend, besuchte die Grundschule und später in Breckerfeld die Hauptschule. Mit Sport hatte es Klaus nicht so, seine Versuche mit dem Boxsport blieben in den Anfängen stecken. Nicht weit vom Elternhaus entfernt, begann er 1989 in der Gesenkschmiede Gebr. Halverscheidt (GHV) seine Ausbildung zum Werkzeugmacher, die er verkürzt und als Bester abgeschlossen hat.

Nach dem Erwerb des Fachabiturs begann Klaus Gertzen Anfang der 1990er Jahre sein Studium zum Maschinenbau-Ingenieur in Iserlohn, das er jedoch aus familiären Gründen abbrechen musste. 1994 nahm er bei GHV wieder eine Tätigkeit als Werkzeugmacher auf. Es war sein Vorgänger im Amt des Betriebsratsvorsitzenden Achim Hildebrand, der ihn noch im gleichen Jahr – 1994 – für die Mitgliedschaft in der IG Metall geworben hat.

Die inzwischen auf 60-Köpfe geschrumpfte Belegschaft war unfreiwillig Zeuge als Geschäftsführer und Mitgesellschafter Christian Weber im Februar 1998 den Weg zum Amtsgericht antrat, um wegen „Überschuldung der Schmiede“ Konkurs anzumelden. Die hochfliegenden Pläne der neugegründeten Gesellschaft „Westmann Halverscheidt Forgings Limited“ in der Hauptstadt Bhopal, im indischen Bundesstaat Madhya Pradesh, eine neue Schmiede aufzubauen, hatten sich zur „Geldverbrennungsmaschine“ entwickelt.

„Wir kämpften mit Unterstützung der IG Metall für den Erhalt unserer Arbeitsplätze“, erinnert sich Klaus Gertzen. Auf Initiative der beiden Betriebsratsvorsitzenden Giovanni Lo Bartolo und Achim Hildebrand sowie des damaligen IG Metall-Bevollmächtigten Franz Bogen gründeten die Beschäftigten eine „Arbeitnehmerinitiative“, die die Beratungsfirma Dr. Groß und Schitag beauftragte, ein „Gutachten“ zu erstellen wie die Schmiede mit anderen Strukturen fortgeführt werden kann. Diese Aktivitäten wurden von dem vom Amtsgericht eingesetzten Konkursverwalter Dr. Andres aus Düsseldorf unterstützt.

„Durch die Übernahme des Betriebes durch Dirk Vocke vom Ennepetaler Metallbearbeiter Hermann Vocke kamen wir jedoch vom Regen in die Traufe,“ schildert Klaus die Situation im Jahr 2004: „Es fehlte das notwendige Geld, um das dringend benötigte Vormaterial zu bezahlen.“ Daraufhin drängte der Geschäftsführer der IG Metall Gevelsberg-Hattingen, Alfons Eilers, in Abstimmung mit dem Betriebsrat, Dirk Vocke Konkurs anzumelden. Erneut wurde Dr. Andres als Verwalter eingesetzt wurde.  Schließlich übernahm die Scholz Gruppe aus dem Schwabenland 2005 die Gesenkschmiede im Talsperrenweg aus dem Konkurs heraus und gliederte sie in deren SES Schmiedeholding ein.

Bei der Betriebsratswahl 2006 wurde Klaus Gertzen von seinen KollegInnen im Betrieb zum Ersatzmitglied und vier Jahre später direkt in das fünfköpfige Betriebsratsgremium gewählt. Die IG Metall-Mitglieder im Betrieb vertritt er bis heute in der Delegiertenversammlung der IG Metall Geschäftsstelle. Auf Seminaren „tankte“ er auf, holte sich wichtige Kenntnisse für die gewerkschaftliche Interessenvertreterarbeit im Betrieb.

„Die konnte ich gut anwenden, als ich gemeinsam mit Achim Hildebrand und dem ehemaligen IGM-Bevollmächtigten Otto König mit der Arbeitgeberseite bei der Einführung des neuen Entgeltrahmenabkommens über die Eingruppierung unserer KollegInnen streiten musste“, sagt der heutige Betriebsratsvorsitzende und schiebt schmunzelnd hinterher: „Unsere Hartnäckigkeit zahlte sich aus. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen.“  

Anfang April 2014 läuteten bei den Betriebsratsmitgliedern erneut die Alarmglocken. Das „Finanz-Magazin“ berichtete über Absichten des „angeschlagenen“ Recycling Unternehmens Scholz AG, die Sparten Edelstahl und Aluminium zu verkaufen. Die indische Amtec Group mit Sitz in Mumbai, ein weltweiter Betreiber von Schmieden und Gießereien, erwarb die Scholz Edelstahl GmbH (SES) im schwäbischen Essingen und übernahm damit die Produktionsstätte der GHV-Umformtechnik in Ennepetal.

Doch es sollte nicht allzu lange dauern, bis die neue Eigentümerin das Problem „fehlende Aufträge“ und die damit verbundenen negativen wirtschaftlichen Entwicklungen mit einem „Belegschaftsbeitrag“, sprich mit einem „Griff in den Geldbeutel“ der Beschäftigten lösen wollte. „Wir haben ja schon einige Turbulenzen erlebt“, erzählt Klaus Gertzen. doch das vom  Geschäftsführer Günter Keppler dem Betriebsrat vorgelegte „12-Punkte-Papier“, um das „Tal der Tränen“ zu durchqueren und den Standort zu stabilisieren, habe eine neue Qualität gehabt. Die wöchentliche Arbeitszeit sollte auf 40 Stunden ohne Lohnausgleich erhöht, das Urlaubs- und Weihnachtsgeld ersatzlos gestrichen und der Werkzeugbau geschlossen werden.

Auf Anraten des Gewerkschaftssekretärs Sven Berg schaltete der Betriebsrat Berater des arbeitsnehmernahen Info-Instituts in Köln ein, zur Überprüfung der wirtschaftlichen Zahlen und zur Ausarbeitung eigener Vorschläge. Das Ergebnis der Verhandlungen: Vereinbarung eines Investitionsplans mit dem Volumen eines sechsstelligen Betrages, an der Finanzierung mussten sich die Beschäftigten durch „Deckelung der Auszahlung ihres Urlaubs- und Weihnachtsgelds auf 400 Euro in 2016 und 2017 beteiligen.

„Damit konnten wir die komplette Streichung der Jahressonderzahlung verhindern und die unbezahlte Verlängerung der Arbeitszeit verhindern,“ kommentiert Klaus den Abschluss des abweichenden Tarifvertrages. „Wir konnten betriebsbedingte Kündigungen ausschließen und eine „Qualifizierungsplanung für ungelernte Beschäftigte“ vereinbaren, um sie auf höherwertige Tätigkeiten umsetzen zu können, damit der technische Wandel im Schmiedebereich bewältigt werden konnte.“

Doch die Amtec-Group löste ihren Teil der Vereinbarung nicht ein. „Die ausbleibenden Investitionen verschlechterten erneut die wirtschaftliche Lage,“ schildert der IG Metaller die Entwicklung im 1. Halbjahr 2017, bis schließlich am 1. Juni die Georg Group neue Anteilseignerin wurde. Klaus und seine KollegInnen blicken vorsichtig optimistisch in die Zukunft, denken jedoch, dass sich jetzt eine Perspektive für den Standort am Hasper Bach auftuen könnte.

Gefragt, wie er denn seinen alltäglichen Stress abbaut, erzählt Klaus Gertzen vom „Moped fahren“, aber auch vom Reisen, Klettern und wandern mit seiner Freundin Anette in den Bergen. Dafür ist er auch bereit, sein Hasperbachtal zu verlassen, dem er in seinem bisherigen Leben treu geblieben ist.   

Foto: Klaus Gertzen (r.) mit Achim Hildebrand (l.) vorm Betrieb – Foto: IGM GH-Archiv