„Gewerkschafter mit Leib und Seele“

„Gewerkschafter mit Leib und Seele“

Rudi Jellinghaus, ehemaliger Betriebsratsvorsitzender von Carl Daniel Peddinghaus

Im Herbst 2002 platzte in Altenvoerde die „Bombe“: Geschäftsführer Eckhard Rudau beantragte für den Traditionsbetrieb Carl Daniel Peddinghaus (CDP) die Insolvenz. Betroffen waren in der Mittelstrasse in Ennepetal 730 und im Werk Daun in der Eifel 130 Beschäftigte. „Auch wenn ich zwischenzeitlich aus dem aktiven Berufsleben ausgeschieden war, bangte ich mit den KollegInnen um ihre Arbeitsplätze“, so der ehemalige Betriebsratsvorsitzende Rudi Jellinghaus. Wie die unmittelbar Beteiligten war er erleichtert als die Nachricht durchsickerte, dass der Gläubigerausschuss dem Verkauf der insolventen CDP an den indischen Konzern Bahrat Forge Ltd. zustimmte. Die Kalyani-Gruppe übernahm 2004 die Gesenkschmiede.

Fünfzig Jahre hat der langjährige Gewerkschafter in der Gesenkschmiede im Tal der Ennepe gearbeitet. Er erlebte die Zeit, als die tonnenschweren Hämmer in der Stadt nicht zu überhören waren, aber auch die Veränderung der Technik in der Fabrik – den Abriss des letzten Riemenfallhammerstrangs 1963 und damit das Ende der Epoche in der Hammerschmiede  und die Inbetriebnahme der 6.300t-Schiedepresse 1977, um im LKW-Geschäft Fuß fassen zu können. Mittlerweile gibt es unter anderem zwei 8000-Tonnen Pressen und zahlreiche vollautomatisierte Schmiedelinien, die mittels Roboter bedient werden. „In den besten Zeiten waren wir im Ennepetaler Werk fast 2000 Arbeiter und Angestellte, darunter viele ausländische Arbeiter mehrerer Nationen“, erinnert sich das ehemalige Mitglied der Gevelsberger Ortsverwaltung.

Rudi Jellinghaus wurde 1939 im Rathaus Altenvoerde, hier war sein Vater als Hausmeister tätig, geboren. Es war das Jahr, in dem die Hitler-Faschisten mit dem Einmarsch in Polen den zweiten Weltkrieg vom Zaun gebrochen haben. An dessen Ende – der Befreiung vom Faschismus am 8. Mai 1945 – stand die grausame Bilanz von über 55 Millionen Toten. Für Rudi und viele junge Gewerkschafter seiner Generation war dies Antrieb, sich dafür einzusetzen, dass „nie wieder ein Krieg von deutschem Boden ausgeht.“

Rudi wuchs in Altenvoerde, seit 1949 einer von neun Ortsteilen der Stadt Ennepetal, auf, ging hier zur Schule, bolzte mit anderen Jugendlichen auf der Straße Fußball, bis er ab Anfang der 1950er Jahre bei TUS Ennepetal spielte – zuerst in der Schüler-, dann in der Jugend – und zum Schluss in der Senioren-Mannschaft. „Heute beschränken sich meine Fußballaktivitäten auf das mitfiebern beim Spiel der Borussia Dortmund im Westfalenstadion“, sagt Rudi und lächelt.

„Die Nachkriegsjahre waren schwierige Jahre. Wir waren sieben Kinder und erlebten, was es heißt arm zu sein“, erzählt er. Eine Erfahrung, die beim ihm wesentlich dazu beitrug, sich später für die Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen der abhängig Beschäftigten zu engagieren. Nach Abschluss der Schule begann er 1954 bei Carl Daniel Peddinghaus (CDP) seine Ausbildung als Dreher. Hier wurden u.a. Gesenkschmiedeteile für die Automobilindustrie produziert.

Betriebsratsvorsitzender Walter Halverscheid nahm ihn in die IG Metall auf. „Das war damals selbstverständlich gewesen, dass man vom Betriebsobmann angesprochen wurde“, meint Rudi.  Andererseits sei er auch durch das Elternhaus vorbelastet gewesen. Sein älterer Bruder Heinz, damals auch bei CDP beschäftigt, habe die Jugendgruppe bei der IG Metall in Gevelsberg geleitet. In diesem Zusammengang erinnert er sich, wie er im 1. Lehrjahr mit der Jugendgruppe seinen Sommerurlaub in Sankt Peter-Ording an der Nordsee verlebt hat. Mit dabei der spätere DGB-Kreisvorsitzende Eugen von der Wiesche.

Nach der Ausbildung war Rudi Jellinghaus zunächst als Dreher im Vorrichtungsbau beschäftigt. In den 1960er-Jahren machte er neben der Arbeit auf der Abendschule seinen Meister, wurde danach Vorarbeiter im Gesenkbau und schließlich Meister in der Instandsetzung, später war er 16 Jahre als Ingenieur vom Dienst tätig bis er 1986 als Betriebsratsmitglied freigestellt wurde.

Bei der Wahl 1972 schenkten ihm die Angestellten-KollegInnen bei CDP ihr Vertrauen und wählten ihn zum ersten Mal in den Betriebsrat. Zwei Jahre später übernahm Rudi die Funktion des stellvertretenden Betriebsratsvorsitzenden und wurde Mitglied im Gesamtbetriebsrat für die Werke Ennepetal und Daun. Geschäftsführer Erwin Peddinghaus hatte zwei Jahre zuvor in der Kreisstadt im Landkreis Vulkaneifel ein Werk mit dem Schwerpunkt Werkzeugbau zu günstigen Konditionen errichten lassen: Das Land Rhein-Pfalz stellte das Gelände kostenlos zur Verfügung und die Gemeinde übernahm die Erschließungskosten. Die Lohnkosten waren auf dem Land allemal auch günstiger als am Rand des Ruhrgebiets.

„Für das Unternehmen waren es blühende Jahre“, schildert Rudi. Es gab keine größeren betrieblichen Verwerfungen, mit Ausnahme der Einstellung der Produktion von Hämmern. Der schleichende Personalabbau sei „eine Folge der technischen Rationalisierungsmaßnahmen im Schmiedebereich gewesen.“ Gleichzeitig wurde in den USA ein Werk errichtet. Nach der Wiedervereinigung übernahm CDP 1991 das „PSW Press- und Schmiedewerk“ im sächsischen Brand-Erbisdorf im Erzgebirge. Fünf Jahre später kam es in Sachsen zur Gründung der CDP Aluminiumtechnik. Das Abenteuer USA und die Übernahme in den neuen Bundesländern, vom ehemaligen Miteigentümer Erwin Peddinghaus vorangetrieben, waren mit verantwortlich für die Insolvenz Anfang der 2000er-Jahre, schätzt Rudi ein.

1990 bestimmte das Betriebsratsgremium den IG Metaller zu ihrem Vorsitzenden. Drei Jahre zuvor hatten ihn die Gewerkschaftsmitglieder in die Vertreterversammlung und in die Ortsverwaltung der IG Metall Gevelsberg gewählt. Im IG Metall-Haus war Franz Bogen als Erster Bevollmächtigter am Ruder „von dem ich viel Unterstützung in den betrieblichen Auseinandersetzungen mit unserem Geschäftsführer Erwin Peddinghaus, aber auch viele neue Anstöße für die betriebliche Arbeit bekam“, sagt Rudi anerkennend. Gerade in den 1980er-Jahren hätten sie beispielsweise viele Aktionen zur Durchsetzung der 35-Stunden-Woche durchgeführt.

Der Gewerkschafter mit Leib und Seele engagierte sich auch kommunalpolitisch. 1974 erstmals für die SPD in die Stadtverordnetenversammlung in Ennepetal gewählt, war er in diesem Gremium 25 Jahre aktiv, bis er 1999 aus Verärgerung über das Verhalten einiger seiner FraktionskollegInnen beim Thema „Rad und Wanderwege“ sein Ratsmandat demonstrativ niederlegte. „Die IG Metaller im Rat, dazu gehörte u. a. der ehemalige Erste Bevollmächtigte Hans Hirsch und mein Bruder Heinz, haben im Interesse der arbeitenden Bevölkerung einiges anstoßen können“, so Rudi Jellinghaus, der Mitglied im Hauptausschuss und weiteren Ausschüssen war. „Allerdings kosteten mich diese Aktivitäten viel Zeit, was zu Lasten meiner Familie ging“, schätzt Rudi heute ein, der sich auch deshalb maßlos darüber ärgert, „wie wenig dieses wichtige Engagement von Teilen der Bevölkerung geschätzt wird“.

Der IG Metaller, der noch das Entstehen der neuen Geschäftsstelle Gevelsberg-Hattingen mitgestaltete, fuhr nach dem Ausscheiden aus dem Arbeitsleben in den Ruhestand seine gesellschaftlichen Aktivitäten zurück, widmete sich dem Radfahren und seiner großen Gartenanlage. Heute schätzt er es mit seiner Frau Roswitha die Urlaube zu genießen und wandern zu gehen. Und natürlich sind da die Spiele seiner Dortmunder Borussen, die er nicht versäumen darf, schließlich sei er nun mal ein „bisschen sportverrückt“, sagt Rudi am Ende unseres Gespräches.

Foto: Rudi Jellinghaus mit dem ehemaligen Gewerkschaftssekretär Hans-Jürgen Iske am 1. Mai in Gevelsberg (v.l.n.r) – Foto: IGM GH-Archiv

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