„Frauen sind nicht 2te Klasse“

„Frauen sind nicht 2te Klasse“

Heidi Seißer, ehemalige Betriebsratsvorsitzende Titan Schwelm

Es war Mitte der 1990er-Jahre: Im Goldsaal der Dortmunder Westfalenhalle versammelten sich die Betriebsratsmitglieder aus allen Standorten des Hoesch-Krupp-Konzerns zur Betriebsrätekonferenz. Unter ihnen die Interessenvertreter der Titan Umreifungstechnik in Schwelm, die mit Plakaten und Transparenten gegen den Verkauf der Unternehmenssparte Titan protestierten. „Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen, ging zum Rednerpult und las dem Vorstandsvorsitzenden Gerhard Cromme die Leviten“, erinnert sich die damalige Betriebsratsvorsitzende Heidi Seißer. „Ich machte ihm klar, dass wir ein innovatives Unternehmen mit Zukunft sind.“ Zuvor hatte der Stahl-Konzern den Rückzug aus dem Verpackungsgeschäft beschlossen und als Folge sollte der Schwelmer Standort an die mittelständische Lenzen-Gruppe verkauft werden.

Heidi Seißer wurde 1952 im Marienhospital in Schwelm geboren. Die Tochter des Hoesch-Arbeiters Willi Ladenstein wuchs in der Kreisstadt des Ennepe-Ruhr-Kreises auf und besuchte hier auch die Schule. Über das Leben in der Kleinstadt in der Nachkriegszeit, die Diskriminierung von Arbeiterkindern, erzählt der gebürtige Schwelmer und politische Liedermacher Franz-Josef Degenhardt in seinem Lied „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern.“ Sie selbst fand als Jugendliche Spaß an der Leichtathletik und war im Turnverein „Zur Roten Erde“ aktiv.

Die langjährige Gewerkschafterin begann 1966 in der Kreisverwaltung Schwelm eine dreijährige Ausbildung als Verwaltungsangestellte. „Die Tätigkeit danach im Lastenausgleichsamt war nicht gerade prickelnd“, meint Heidi. Und so begann sie 1970 als Sachbearbeiterin im Versand der Titan Umreifungstechnik GmbH in der Berliner Straße. Im Schwelmer Werk, das mit dem Werk in Hagen-Kabel die Titan-Gruppe im Hoesch und später im Hoesch-Krupp-Konzern bildete, waren zu diesem Zeitpunkt rund 300 Arbeiter und Angestellte beschäftigt.

Zwei Jahre später wählten sie die KollegInnen im Betrieb zum ersten Mal ins Betriebsratsgremium. Mitglied der IG Metall wurde sie im gleichen Jahr auf eigene Initiative, in dem sie den damaligen Betriebsratsvorsitzenden Wilfried Maikranz, der später auch zweiter ehrenamtlicher Bevollmächtigter der IG Metall Gevelsberg war, um einen Aufnahmeschein bat. Das notwendige Wissen, um die Kolleginnen und Kollegen vertreten zu können, erwarb sich das neue Betriebsratsmitglied auf den regionalen und zentralen Seminaren der IG Metall.

Da in dieser Zeit in der „Männer“-Gewerkschaft IG Metall nur wenige Frauen aktiv waren, ging es Heidi wie vielen ihrer Kolleginnen – eine Funktion folgte auf die andere: 1977 wurde sie erst Mitglied in der Vertreterversammlung, dann in der Ortsverwaltung, vertrat die Verwaltungsstelle im damaligen Bezirk Hagen und übernahm schließlich den Vorsitz des Ortsfrauenausschusses. Gerade die Frauenarbeit lag ihr besonders am Herzen, erlebte sich doch selbst, wie groß der Widerspruch zwischen gewerkschaftlicher Programmatik einerseits und der betrieblichen Praxis andererseits bei den Themen „Gleichberechtigung“ und „Bezahlung der Frauen“ war.

Mit der Aktion „Frauen sind nicht 2te Klasse“ engagierten sich die gewerkschaftlich organisierten Kolleginnen für „bessere Bezahlung und humane Arbeitsbedingungen im Betrieb“, berichtet Heidi Seißer über die Schwerpunkte der Frauenarbeit der IG Metall in den 1980er-Jahren. Ein Ziel war die Abschaffung der Leichtlohngruppen, in die überwiegend Frauen eingruppiert waren. „Wir schalteten uns als Frauenausschuss aber auch aktiv in die Mitgliederwerbung ein, in dem wir vor den Berufsschulen Materialien verteilten und mit den neuen Auszubildenden Gespräche führten“, so die Gewerkschafterin. Selbstverständlich sei es gewesen, dass die IG Metallerinnen des Südkreises die „Frauen bei Linde in Schwelm“ und die „Fraueninitiative Henrichshütte in Hattingen“ in ihrem Kampf um den Erhalt ihrer Arbeitsplätze unterstützten.

Im Jahr 1990 wählten die Betriebsratsmitglieder sie zu ihrer Vorsitzenden. Heidi Seißer übernahm das Amt zu Beginn einer Periode, die zu den schwierigsten des Unternehmens zählte. Mitte der 1990er-Jahre will der Hoesch-Krupp-Konzern die Produktion von Verpackungen (Kunststoff-, Stahlbänder, Heißumreifung von Stahlcoils etc.) seiner 100-prozentigen Tochtergesellschaft Titan an die ITW Signode und Thyssen veräußern. „Wir wurden vom Arbeitsdirektor des Konzerns informiert, dass „unser“ Werk in Schwelm an die mittelständische P.W. Lenzen GmbH & Co.KG verkauft werden soll“, schildert Heidi Seißer den Vorgang.

Da die Beschäftigten und ihr Betriebsrat, sowie die IG Metall-Vertrauensleute nicht nur den Abbau von Arbeitsplätzen, sondern auch den Verlust von betriebsüblichen Mitbestimmungsrechten in einem Montanbetrieb befürchteten, wehrten sie sich unterstützt von ihrer IG Metall in Gevelsberg mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen gegen die Konzernpläne. Die Lenzen-Gruppe war ihnen nicht geheuer. „Wir vermuteten, dass der Vater Peter W. seinem Sohn Peter W. Lenzen eine Firma – mit uns als Inhalt – schenken wollte“, kommentiert die ehemalige Betriebsratsvorsitzende, die sich in dieser Zeit den Ehrentitel „Rote Heidi“ erwarb, die Ablehnung der Übernahme.

Zweimal seien sie sogar zum Bundeskartellamt nach Berlin gefahren, um sich nach dem Stand des Genehmigungsverfahrens zu erkundigen. Nach dem jedoch abzusehen war, dass die Kartellbehörde den Antrag auf Übernahme der Titan-Gruppe durch die ITW Signode und Thyssen ablehnen würde, zog der Konzern den Antrag zurück. Dafür stellte am 6. Mai 1998 die zuständige Kommission bei der Europäischen Union in Brüssel „die Vereinbarkeit des Zusammenschlusses mit dem Gemeinsamen Markt“ fest. Damit stand dem Verkauf nichts mehr im Wege.

Das Titan-Werk Schwelm ging 1998 an die Lenzen-Gruppe. Betriebsrat und IG Metall verhandelten über einen Interessenausgleich und Sozialplan. Mit Ausnahme der Beschäftigten, die freiwillig ins Werk Hagen-Kabel wechselten, sollten „alle anderen Arbeitsplätze, die Mitbestimmungsrechte des Betriebsrats und die Tarifbindung“ erhalten werden. „Doch wir erlebten sehr schnell, was es heißt von einem montanmitbestimmten Unternehmen zu einem mittelständischen Unternehmen, dessen Geschäftsführer nichts von Mitbestimmung der Arbeitnehmer hält, überzugehen“, sagt die IG Metallerin und berichtet über die zunehmenden betrieblichen Konflikte Anfang der 2000er-Jahre.

So habe es nur etwas über ein Jahr gedauert, bis die Firma die Mitgliedschaft im Arbeitgeberverband kündigte und damit die Tarifbindung für die Beschäftigten verloren ging, mit der Folge, dass sie keine Tariferhöhungen mehr bekamen. „In den Auseinandersetzungen mit dem Geschäftsführer wurden wir regelrecht zerrieben, zumal es gelang, mit Unorganisierten einen Spalt in das Betriebsratsgremium zu treiben.“ Eine schwer erträgliche Situation für die Gewerkschafterin, die sich auch als ehrenamtliche Richterin am Sozialgericht engagierte.

Nach vierzig Jahren schied Heidi Seißer 2010 aus dem Betrieb aus. Auch in ihrer IG Metall endeten in diesem Jahr ihre Funktionen in der Delegiertenversammlung und dem Ortsvorstand. In den zurückliegenden zehn Jahren hatte sie engagiert an der Entwicklung der neuen Geschäftsstelle Gevelsberg-Hattingen mitgearbeitet und den Generationenwechsel mit eingeleitet.

„Nein, langweilig sei es ihr im heutigen Ruhestand nicht.“ Dass sie in Bewegung bleibe, dafür sorge schon ihr Hund, aber natürlich auch ihre sportlichen Aktivitäten wie schwimmen und Gymnastik. Schließlich sei da noch die Gartenarbeit und letztlich genieße sie es, sich „einfach gemütlich in die Ecke zu setzen und zu lesen.“

Foto: Heidi Seißer, Ulla Kaika und Wolfgang Lange (v.r.n.l.) in der Sitzung der Ortsverwaltung im Dezember 2007 – Foto: IGM G-H