Deutsche und Ausländer kämpften Seite an Seite

Deutsche und Ausländer kämpften Seite an Seite

Nuri Dervisoglu, ehemaliges Betriebsratsmitglied auf der Hütte

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Das Datum vergisst er nicht: 03. August 1962 – es war der Tag an dem Nuri Dervisoglu ins Ruhrgebiet kam. „Eigentlich, wollte ich gar nicht“, erinnert sich der langjährige IG Metaller, der in Istanbul vom Arbeitsamtsleiter auf eine Arbeit in Deutschland angesprochen wurde. Es war die Zeit, in der die Personalchefs in den Metall- und Stahlbetrieben händeringend Arbeitskräfte in den südeuropäischen Ländern und in der Türkei suchten. Viele der Angeworbenen wollten nicht lange bleiben, doch dann wurden es wie bei Nuri mehrere Jahrzehnte oder blieben für immer hier.

Nuri Dervisoglu wurde 1938 in der Küstenstadt Pazar am Schwarzen Meer geboren. Aufgewachsen ist er in Istanbul, gelegen am Bosporus. Hier ging er auch zur Schule „Da wir kein Geld hatten, um einen Fußball zu kaufen, bastelten wir selbst einen aus gepresstem Papier, den mit Draht umwickelten, was manchmal sehr schmerzhaft war“, schildert Nuri wie sie in der Freizeit auf der Straße bolzten. Diese war jedoch bei ihm begrenzt, denn nachmittags nach der Schule musste er arbeiten, um seine Mutter und die Geschwister finanziell zu unterstützen.

Nach dem Schulabschluss arbeitete Nuri Dervisoglu als Schreiner, machte sich selbstständig, bis er sich 1962 als „Gastarbeiter“, so der offizielle Sprachgebrauch, auf den Weg nach Deutschland machte. Zunächst malochte er als Einschaler bei der Baufirma Heitkamp in Wanne-Eickel. Eine zugesagte, aber nicht ausgezahlte Auslösung beim Einsatz auf einer Baustelle in Frankfurt/Main führte zum Konflikt und zur Beendigung des Arbeitsverhältnisses. Im März 1964 begann er seine Arbeit auf der Hattinger Hütte am Hochofen und war danach auch als LKW-Fahrer in der Schlackenverwertung eingesetzt. Bei der Arbeitsaufnahme unterschrieb er im Betriebsratsbüro den Aufnahmeschein für die IG Metall, der er inzwischen über 50 Jahre angehört.

Die Novellierung des Betriebsverfassungsgesetzes 1972 ermöglichte es Migranten zum ersten Mal bei einer Betriebsratswahl zu wählen und zu kandidieren. So wurde der türkische Stahlarbeiter im Mai des gleichen Jahres auf der Liste der IG Metall zum ersten Mal in den 35-köpfigen Betriebsrat gewählt, dem er 18 Jahre bis zur Stilllegung der Hütte angehörte. Nach der Wahl wechselte er in die Personalabteilung und betreute insbesondere die große Zahl türkischstämmiger Belegschaftsmitglieder: Dolmetschte im Personalbüro und am Arbeitsplatz, half bei Arztbesuchen oder Behördenterminen bzw. Verhandlungen vor Gericht. Denn viele seiner Landsleute waren der deutschen Sprache nicht mächtig. „Was das im Alltag und im Betrieb bedeutet, habe ich am eigenen Leib erlebt als ich nach Deutschland kam“, sagt Nuri und schildert wie er sich selbst deutsch beigebracht hat. Im Wohnungsausschuss des Betriebsrates setzte er sich dafür ein, dass auch an die türkischen Beschäftigten Wohnungen aus dem Bestand von Thyssen vergeben wurden, „damit konnten sie endlich aus dem Ledigenwohnheim ausziehen und ihre Familien nachholen“. Das habe auch dem Unternehmen geholfen, denn dadurch konnte die Zahl der „Urlaubsüberziehungen“ gesenkt werden.

„Später unterstützte mich bei dieser Arbeit mein Kollege Necati Egitim, der es schaffte, als zweiter türkischer Kollege ins Betriebsratsgremium gewählt zu werden“, so Nuri. Das war gut so, denn sie mussten auch in den eigenen Reihen dicke Bretter bohren: Es ging u.a. darum durchzusetzen, dass die Ansprachen in Betriebsversammlungen für ihre Landsleute auf Türkisch übersetzt wurden. Ihre Initiative Ende der 1970er Jahre den türkischen Kollegen mit Unterstützung von Otto König aus dem IG Metall-Bildungszentrum Kenntnisse über Aufbau und Ziele der IG Metall und die Betriebsverfassung zu vermitteln, seien „von der Betriebsratsspitze argwöhnisch beobachtet worden“.

Foto: Nuri Dervisoglu (3.v.l.) auf der IG Metall-Kundgebung „Streikrecht verteidigen“ am 6. März 1986 auf dem Hattinger Untermarkt – Foto: Monika Münster

Nuri Dervisoglu setzte sich nicht nur für die Lösung der Probleme der türkischen Arbeiter in der Vertreterversammlung und im Ausländer-Ausschuss der IG Metall ein, sondern leistete auch in der Kommune wertvolle Integrationsarbeit. Er half mit beim Aufbau des Vereins zur Förderung von Ausländerarbeit (VFA) im damaligen Haus Burgeck, das dem Neubau der Ruhrbrücke weichen musste und war aktiv im türkischen Arbeiter- und Freundschaftsverein und unterstützte die Fußballer bei TAF Anadoluspor.

Es kam der 19. Februar 1987: Dieser Tag ging in die Geschichte der Stadt Hattingen als „Schwarzer Donnerstag“ ein. Treffend lautete die Schlagzeile der „Süddeutschen Zeitung“: „Der Infarkt des stählernen Herzens“. In einer dürren 27-Zeilen Meldung veröffentlichte Thyssen ihre künftige Konzeption für die Sparte Grobblech: Die Henrichshütte wird liquidiert. „Wer mir Jahre zuvor erklärt hätte, dass das mal so kommen würde, denn hätte ich für bescheuert erklärt“, sagt der Gewerkschafter kopfschüttelnd.

Natürlich hätten sie den Kampf aufgenommen: „Seite an Seite haben die deutschen und ausländischen KolegInnen für den Erhalt des Standortes und ihre Arbeitsplätze gekämpft.“ Ein Kampf, der Schlagzeilen und Fernsehsondersendungen provozierte, selbstgefällige Politiker und scheinbar allmächtige Manager unsicher machte. (Lutz Heuken). Selbst in der Türkei sei über ihren Kampf berichtet worden.

Die Solidarität in dem zwölf Monate andauernden Kampf um den Erhalt der Hütte habe dazu beigetragen, die Schranken zwischen den Nationalitäten nieder zu reißen. „Nachdem wir durch unseren Widerstand die Massenentlassungen verhindert hatten, kam der Sozialplan zur Anwendung“, erzählt Nuri Dervisoglu, über den viele der deutschen ausländischen Hüttenarbeiter ausscheiden konnten. Darunter war er auch selbst. 1998 wechselte der IG Metaller offiziell in die Rente, sprich Ruhestand. Auch danach blieb er für viele türkische Familien ein gesuchter Ansprechpartner. Heute pendelt er in größeren Abständen zwischen der Millionen-Metropole Istanbul und der Kleinstadt Hattingen im Revier.

Foto 1: Nuri Dervisoglu (l.) – in der Ausstellung „100 Hüttenleben“ von Astrid Kirschey
Foto 2: Nuri Dervisoglu (3.v.l.) auf der IG Metall-Kundgebung „Streikrecht verteidigen“ am 6. März 1986 auf dem Hattinger Untermarkt – Foto: Monika Münster)

 

 

 

 

 

 

 

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