„Der junge Karl Marx“

„Der junge Karl Marx“

Filmtipp

Raoul Pecks Film „Der junge Karl Marx“ führt in das vorrevolutionäre Europa der 1840er-Jahre. Als in diesem Jahrzehnt die Eisenbahnen gebaut wurden, stieg die Nachfrage nach Holz. In den deutschen Provinzen drängten Waldeigentümer die Regierungen, das Sammeln von Bruchholz in den Wäldern zu verbieten. So wurde aus dem Gemeineigentum und dem Gewohnheitsrecht der Armen ein Monopol der Reichen. Während aus dem Off ein Karl-Marx-Text die Ungerechtigkeit anprangert, dass auf den Diebstahl toten Holzes die gleiche Strafe stehe wie auf das Abtrennen von Ästen, ist es auch schon um die Armen, die in den rheinischen Wäldern tote Zweige sammeln, geschehen, Reitertruppen der Privatpolizei schlagen sie brutal zusammen.

„Das Volk spürt die Strafe, aber es sieht nicht das Verbrechen. Und da es kein Verbrechen sieht, wofür es bestraft wird, solltet ihr es fürchten, denn es wird sich rächen“, warnt der junge Marx, dem wir in der nächsten Filmszene im Jahr 1843 in den Redaktionsräumen der Rheinischen Zeitung in Köln begegnen, die von der preußischen Zensur verboten wird. Während andere Kollegen mutlos kuschen, begehrt Marx auf, wird verhaftet und muss mit seiner Familie nach Paris und später nach Brüssel ins Exil. In England erlebt derweil Friedrich Engels den Klassenkampf am eigenen Leibe, sein Vater ist ein Industrieller, der die Arbeiter ausbeutet, die dem Sohn, als er sich unter sie begibt, feindlich begegnen.

Marx und Engels lernen sich in Paris kennen. Der Film zeigt wie sich ihre Freundschaft entwickelt, wie sie ihre Ideen gemeinsam diskutieren und wie sie für ihre Politik Verbündete suchen. Gemeinsam mit Jenny, der Frau von Marx, schreiben die jungen Leute das „Kommunistische Manifest“. Der Text soll all das bündeln, was den Dreien in der Zeit tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderungen auf den Nägeln brennt. Für sie sind Sympathie, gegenseitige wissenschaftliche Anregung und gemeinsamer politischer Kampf nicht zu trennen.

Der Film überzeugt durch die Leistungen der Darsteller: August Diehl als Karl Marx und Stefan Konarske als Friedrich Engels sowie Vicky Krieps als Marx Frau Jenny und Hannah Steele als Engels Geliebte Mary Burns. Jenny ist die scharfsinnige Unterstützerin, der schlagkräftige und intelligente Formulierungen einfallen und Mary eröffnet Engels einen Zugang zum Proletariat, was ihm die Studie über »Die Lage der arbeitenden Klasse in England« ermöglicht.

„….es kommt drauf an, sie zu verändern.“

In „Der junge Karl Marx“ widmet sich Raoul Peck, der 1953 in Port-au-Prince auf Haiti geboren wurde, der Frühphase des revolutionären Denkers. Der Regisseur konzentriert sich auf die kurze, intensive Zeit vor der Veröffentlichung des „Kommunistischen Manifests“ im Jahre 1848. Er zeigt die Schwierigkeiten der beiden Revolutionäre bei ihrer politischen Aufklärungsarbeit, das zähe Ringen, die Debatten, um den Boden für eine proletarische Partei zu bereiten – die Entwicklung wie aus dem „Bund der Gerechten“ der „Bund der Kommunisten“ wird.

Dem Film gelingt es, die turbulenten historischen Ereignisse in einer Zeit der ökonomischen und politischen Umwälzung mit den theoretischen Leistungen von Marx und Engels zu verbinden. Peck zeigt, dass Marx kein verstaubter Theoretiker ist. Seine Schriften haben an Gültigkeit nichts verloren, was das Marxsche Zitat zum Ausdruck bringt: „Mir ist jetzt etwas klar geworden: Die Philosophen haben bis jetzt die ganze Welt nur interpretiert.

Im Abspann des Films kehrt die Jugend der Revolte zurück, in einer explosiven Bild-Montage von Krieg, Ausbeutung und Unterdrückung sowie politisch Handelnden von Che über Mandela bis Occupy. Angesichts der augenblicklichen Weltlage ist es durchaus denkbar, dass junge Menschen wieder neugierig werden und sich die Schriften des jungen Marx besorgen. Der empfehlenswerte Film ist inzwischen in den Kinos angelaufen.

„Der junge Karl Marx“ – Deutschland/Frankreich/Belgien 2017

Regie: Raoul Peck, mit: August Diehl, Stefan Konarske, Vicky Krieps, Olivier Gourmet, Hannah Steele
118 Minuten

Foto: Der junge Marx in einer Versammlung des „Bund der Gerechten“ – Foto: Neue Visionen Filmverleih